Wem die Glocke bimmelt

Ich komme nicht mehr raus. Und darum in kurzen Worten die unglaubliche Geschichte, wie ich einmal eine Klausur schreiben wollte und eine Glocke bimmelte, ich einen Tag länger leiden musste und in einer Rechtskurve von der Bornholmer Strasse in die Schönhauser Allee einbiegend bei langsamer Fahrt aus der halbgeöffneten Beifahrertür auf den regennassen Asphalt kotzte.

Und das kam so.

Ich habe ja nicht nur ein, sondern gleich zwei Staatsexamina absolviert. Nummer eins 1998 und Nummer zwei 2001. Diese ganze Zeit muss so traumatisierend gewesen sein, dass ich wahrscheinlich Ereignisse aus beiden Schlachten vermische. Schlacht ist jedenfalls ein bewusst gewählter Ausdruck. Mir sind solche unwürdigen, beklemmenden und insgesamt in keiner Weise zu geniessenden Momente wie sie ein Staatsexamen nun einmal darstellt eher erträglich, wenn ich mir vorstelle, ich würde eigentlich gerade eine Heldentat epischen Ausmasses vollbringen und in die Schlacht ziehen, in einen Kampf Mann gegen Mann. Tatsächlich war der Gegner ein Blatt Papier und ich lediglich mit mehreren Kilo Kommentarliteratur bewaffnet (hier vermischen sich übrigens bereits die Examina zu einem dumpfen Erinnerungsblock, denn bei Nummer 1 gab es nur Gesetze, bei Nummmer 2 auch Kommentare). Alle anderen waren besser vorbereitet, strebhafter und es bringt einem in der U-Bahn zum Justizprüfungsamt einen feuchten Dreck, dass man vermutet lässiger und cooler war als die Fraktion Mazda MX5 und Hérmes-Tüchlein. Es hilft einem da auch nicht, dass man sich über mehrere Jahre in einer Band in Kreuzberger Kneipen selbstverwirklicht hatte.

Aber man hatte die Musik. Ich hatte Boltthrower.

…for Victory

Es sind mehrere Klausuren gewesen und ich schaue jetzt nicht nach, wie viele, ich habe es vergessen und so soll es bleiben. Auf der Fahrt zu jeder Klausur habe ich …for Victory von Boltthrower gehört. Jedenfalls im ersten Examen, beim zweiten war dann schon meine spätere Frau in mein Leben getreten und ich habe denke ich so getan, als ginge ich eben Erdbeeren pflücken und habe die Zeitung gegriffen für den Weg ins JPA und nur kurz gerufen “Bis später Schatz!” Ich wollte sie beeindrucken. Sie ist noch bei mir. Mir war auch das Zwote dann egal, sie war ja da.

Das JPA liegt in Berlin direkt am Rathaus Schöneberg. Das kennt ihr natürlich von der schönsten und berührendsten Darbietung unserer Hymne, vorgetragen von Walter “Supamolly” Momper, Willy Brandt und Helmut Kohl.

Deutschlandlied / Schöneberger Fassung

Irgendwann 2001 ging die Freiheitsglocke kaputt und musste repariert werden. Ein grosser Tag für die Hauptstadt. Irgendwann war sie wieder heile und musste zurück an ihren angestammten Platz gebracht und dort eingebimmelt werden. Auf dass sie wieder so bimmeln möge:

Freiheitsglocke, bimmelnd

Dieser Bimmeltag war ein Klausurtag. Und weil die Welt uns bereits unerträglich findet, wenn wir noch nicht einmal richtige Juristen sind, sondern nur stocksteife Angeber, hat man uns, als wir bereits alle brav saßen, mitgeteilt, wir könnten wieder nach Hause gehen, die Glocke würde zu laut bimmeln und das Schreiben einer Klausur sei unzumutbar.

Gekotzt habe ich dann mit Astrid im Auto nach der Examensfeier. Und wir haben Tocotronic gehört. Sie ist die tollste Frau der Welt, aber Boltthrower darf ich nicht im Auto hören. Sie sagt aber, und so toll ist sie, “Warte, ich fahr langsam und du kotzt halt raus. Landet was im Auto putzt du den Mist selbst weg!” Liebe.

Mehr ist nicht.

Dick: The first thing we do, let’s kill all the lawyers.
Cade: Nay, that I mean to do.
William Shakespeare, Henry the Sixth, Part II

2 Comments

  1. Ach, Juristen. Die Welt liegt Euch zu Füßen, und Ihr kotzt sie an.
    (Man möge bitte nicht fragen, was ich damit sagen will. Ich könnte es nicht beantworten. Vielleicht hätte ich einfach schreiben sollen, dass ich Boltthrower nicht kenne und mir der obige Link auch nicht die Gelegenheit gibt, das zu ändern. Was nicht zwingend am Link liegt, sondern vielleicht auch an den hiesigen Gegebenheiten.)

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