Auberginen sind für mich gestorben.

Ich fritiere, ich dünste, ich backe, ich grille, und neuerdings nutze ich sogar ADN (Advanced Dampf Nahrungsmittelerhitzer). ADN ist so etwas wie blanchieren, nur dass es 36mal so gesund ist. All diese Aktivitäten in der Küche betreibe ich, weil ich als Ehemann und Vater erreichbar sein will und meinen Beitrag leisten möchte. Insbesondere koche ich, weil es auch viele Journalisten und Kollegen tun. Der kleine Plausch beim Kochen und Grillen dürfte gerade bei fleischaffinen Journalisten und Politikern die SMS abgelöst haben.

Kochen ist ein Versprechen: dauerhafte Verfüg- und Erreichbarkeit sowie die Möglichkeit, potentiell unendlich groß Mengen Fleisch und Fritten zu essen. Mittlerweile habe ich 22.500 Gerichte zubereitet, was man beachtlich finden kann. Oder auch nicht. Der hauseigene Analysedienst Koch-Analytics brachte mich auf die Frage, ob Kochen überhaupt etwas bringt. Koch-Analytics zeigt mir an, wie oft ein Gericht, das ich zubereite, tatsächlich gegessen wird. Ernüchternde Erkenntnis: Mir mögen zwar 22.500 Gerichte gelungen sein, aber im besten Fall werden 2.000 von dern Gerichten gegessen, die ich anbiete. Im Durchschnitt irgendetwas um die 500. Große Imbisse haben eine Auflage von mehr als 350.000 Würstchen. Selbst bei der konservativsten Rechnung, dass nur ein Prozent der Kunden überhaupt bis zum Imbiss gekommen ist und ein Würstchen verzehrt, wären das noch immer mehr, als auf meine Gerichte abfahren. Wenn ich in einer Kochsendung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens sitze, erreichte ich sogar ein Millionenpublikum.

Wer profitiert von dieser permanenten Kochschau?

Dafür kostet mich Kochen Zeit. Jeden Tag geht, seit Mitte 2009 grob gerechnet, mindestens eine Stunde dafür drauf. Das sind 166 Acht-Stunden-Arbeitstage seit 2009, die ich nur mit Kochen verbracht habe. Wenn jedes meiner 60.000 Gerichte die Maximalkomplexität gehabt hätte, käme ich auf ungefähr 800 Menüs zu je rund 10.000 Bissen; das sind mehr als zwei Löwen!

Dafür kostet mich Kochen Nerven. Jeden Tag aufstehen und mindestens einen doofen Kommentar, eine Beleidigung durch die Familie ertragen. Seit ich Hobbykoch bin, habe ich mehr als 500 Essen weggeschmissen, das heißt, diese können mir nicht mehr folgen, und wenn sie einmal weggeworfen sind, sehe ich sie nicht mehr. Man stelle sich vor, ich hätte in einem Jahr 500 freiwiligge Esser finden müssen, Menschen, die sich mir nähern oder mit mir kommunizieren. Dadurch entsteht sozialer Stress. Menschen kochen wähend ihrer Depressionen, sie Kochen im Affekt Ungeniessbares, Dinge, die ich nicht essen möchte. Wenn ich diese Menschen abkoppele, muss ich mich dafür ihnen gegenüber rechtfertigen. Jetzt wird ein Koch-Experte dazwischenrufen: „Aber du kannst sie doch für einen Zeitraum X einfach nicht mehr einladen!“ Ja, sage ich, aber will ich das? Warum soll ich als Koch auf einmal eine Filterleistung vollbringen, die ich mir eigentlich vom Gast wünsche? Ist es zu viel verlangt, dass sich alle, egal, in welcher Kommunikationsform, vorm Essen folgende drei Fragen stellen: Muss es gesagt werden? Muss es jetzt gesagt werden? Muss es jetzt von mir gesagt werden? Und: Welcher Mehrwert entsteht denn durch diese permanente Nabelschau beim Kochen konkret und für wen?

Diese Frage treibt mich um, ich habe aber keine Lust, sie hier zu vertiefen. Wenn eine seriöse Tageszeitung kommt, überlege ich es mir noch einmal. Jetzt gilt es noch zu liefern, an die Ina Steinbach. Warum verachte ich Auberginen? Es ist einfach schleimiges Gelumpe, das in keiner Zubereitungsform Geschmack annimmt. Aussen zähe Lederpelle, innen Pampe. Ich habe versucht, sie hauchdünn zu schneiden und mit Fleur de Sel und Zitrone zu grillen. Mit dem Ergebnis, dass ich mich gefragt habe, warum nehme ich nicht gleich eine Paprika? Ich habe versucht, sie in einem Ratatouille so geschickt unterzumischen, dass man sie nicht bemerkt mit der Folge, dass sich beeindruckende Restepyramiden auf den Tellern von Kind 1, Kind 2 und mir gebildet haben. Ich möchte das nicht.

5 thoughts on “Auberginen sind für mich gestorben.

  1. Ich habe die Lösung für Dich. In meiner Wahlheimat Andalusien oft als Tapas serviert “berenjenas con miel.” Frittierte Auberginen mit Honig. Äußerst lecker und taugt zur Ehrenrettung der Aubergine. Google das Rezept und probier es aus.

    • Julia, der Imam mag regelmässig in Ohnmacht fallen, ich leider nicht. Habe ich auch schon oft in der Türkei und in Berlin probiert, um dann doch ein paar Gözleme oder Hamsi zu nehmen.

  2. Pingback: Lesenswerte Links – Kalenderwoche 8 in 2013 > Vermischtes > Lesenswerte Links 2013

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>