BVB, Fussball

Spieler

Ich musste noch nie eine Bombe explodieren sehen und ich kenne nur einen Menschen, der das musste. Und dessen EindrĂŒcke, Traumata und Schmerz reichen mir eigentlich fĂŒrs Leben. Ich mag daher kein Urteil darĂŒber abgeben, wie man sich richtig verhĂ€lt oder angemessen oder wie man den Prozess der Verarbeitung optimal umsetzt. Es kann daher auch durchaus sein, dass es den Betroffenen hilft, ein Fußballspiel zu spielen keine 24h nachdem mit Metallstiften gefĂŒllte Bomben neben einem explodiert sind und man vielleicht nicht in der Nacht, so doch aber sicher im Laufe des Tages realisiert hat, dass die Bomben ein direkter Angriff auf das eigene Leben waren. Es kann sein, dass die Beklemmung erst langsam in einen hineinkriecht und die Angst kommt und man die Angst der Liebsten erst dann realisiert.

Ich weiß daher wirklich nicht, ob man gestern hĂ€tte spielen sollen. Die Spieler – und nur diese als direkte Opfer interessieren mich hier – gaben durchweg zu erkennen, sie hĂ€tten gerne noch ein wenig mehr Zeit gehabt. War es unmöglich, ihnen diese einzurĂ€umen? Man stelle sich die schlimmste berufliche Drucksituation vor, in der man jemals gewesen ist, denke sich zeitlichen Druck hinzu und reichlich andere Parteien, die mitreden, mitbestimmen wollen, RatschlĂ€ge erteilen und man ist wohl noch nicht einmal ansatzweise in der NĂ€he der Krisen- und Drucksituation in der sich die Vereinsverantwortlichen befanden. Eine Absage am 11.04. war klar und unumstritten, aber wie reagiere ich auf die Anfrage der UEFA, ob man morgen spielen könne? Man kann es herunterbrechen auf die eine einzige Frage “Was ist richtig fĂŒr meine Spieler?”, aber weder Watzke noch Rauball können ausschließlich in diesen Kategorien denken. Es gilt finanzielle ZwĂ€nge, Sicherheitsbedenken, VerhĂ€ltnis zur UEFA etc in die AbwĂ€gung einfließen zu lassen. Und die Entscheidung nimmt ihnen auch keiner ab. Sie sind die VereinsfĂŒhrung und sie haben zu entscheiden.

Gleichwohl irritiert nachhaltig, dass jedenfalls nach der Aussage Tuchels, Trainer und Spieler zu keinem Zeitpunkt gefragt wurden. Die empathischere Vorgehensweise wÀre sicherlich gewesen, persönlich die Mannschaft aufzusuchen und ein Meinungsbild einzuholen. Aber wenn ich mich nicht komplett tÀusche, ist Watzke eine solche NÀhe eher fremd.

Ich kann mir auch schlechterdings nicht vorstellen, dass auch nur ein Verein fĂŒr ein solches Szenario ein Prozeßhandbuch ausgearbeitet hat, das man dann Punkt fĂŒr Punkt abarbeitet. Insgesamt musste hier auf fragiler Tatsachenbasis innerhalb kĂŒrzester Zeit eine Entscheidung getroffen werden und die VereinsfĂŒhrung kam zu dem Ergebnis, es sei richtig, Mittwoch zu spielen. HĂ€tte es ĂŒberhaupt ohne Auswirkung auf den Spielplan nationaler VerbĂ€nde einen Ausweichtermin gegeben? Wie hĂ€tte man etwa etwa innerhalb eines Tages die deutschen Pokalhalbfinalisten bewegen sollen, einer Verschiebung zuzustimmen? Und ein Eingriff in den Buli-Spielplan ist ebenso diffizil. Ich mag daher zwar mein deutliches Unbehagen ausdrĂŒcken, kann aber nicht mit der notwendigen Klarheit sagen, der Verein und die UEFA hĂ€tten falsch gehandelt.

Was ich aber sagen kann ist, dass mich die Überfrachtung und Überforderung unserer Spieler zutiefst verstört. Wie kann man den Opfern des Anschlags (und: jedes Anschlags) auferlegen, sie mĂŒssten mit allen anderen zusammenstehen, sonst hĂ€tten die Terroristen gewonnen? Wie kann man es ernsthaft fĂŒr eine gute Idee halten, direkt nach einem Fußballspiel mit beinahe pornographischem Interesse junge MĂ€nner Anfang 20 nach ihrer Meinung zum Terror und ihren Erlebnissen zu befragen? Eine solche politische Überfrachtung wird dem Spiel nicht gerecht. Ich habe als Zuschauer und Fan eine politische Verantwortung, jedenfalls kann ich frei wĂ€hlen, ob ich eine solche in den Sport einbringen will, die 11 aufm Platz haben die Wahl nicht.

Mindestens schmierig auch das anbiedernde “Wir sind alle Borussen”. Nee, seid ihr nicht. Ich will auch gar nicht, dass ihr Borussen seid. Ihr dĂŒrft gerne Freiburger, Gladbacher oder Schalker bleiben. Bitte hĂ€ngt euch nicht unseren Schal um und nötigt unsere Mannschaft, ein Signal zu setzen. Seid solidarisch, aber seid keine Borussen.

Abschließend: Was Scherben heute morgen auf Twitter schrieb ist vollkommen richtig: Wann bekommen denn unsere Spieler die Pause und den Abstand, den sie benötigen? Der Spielplan ist voll. Was macht man denn da? Ruft man bei der Eintracht an und fragt, ob man nicht die U19 gegeneinander spielen lassen könne? Scheißt man auf die Liga? Meinen Segen hĂ€ttet ihr.

UPDATE:

Die Story nach der Story scheint zu werden, dass man einen Konfikt be- oder sogar herbeischreibt zwischen Tuchel und VereinsfĂŒhrung. Nach den Uefa-Regularien gibt es ein vorgeschriebenes Zeitfenster von zwei Stunden nach der Absage, in dem das Spiel neu terminiert werden muss. Davon werden regelmĂ€ĂŸig in Krisensituation große Teile mit Irritation aufgebraucht und nur wenig steht effektiv zur VerfĂŒgung. Dann trifft man eine Entscheidung. Eine, die man nicht delegieren kann. Das nennt sich FĂŒhrung. Es geht mir insoweit nicht primĂ€r um die Frage, ob man die Mannschaft hĂ€tte einbeziehen sollen (man hĂ€tte), sondern darum, dass hindsight eine bitch ist und immer 20/20.

Völlig normal empfinde ich auch die Tatsache, dass unterschiedliche FĂŒhrungskrĂ€fte unterschiedliche Auffassungen haben. Und es ist Ausdruck zeitgemĂ€ĂŸer Unternehmenskultur und FĂŒhrungskultur, dass diese Meinungsunterschiede auch geĂ€ußert werden. Dies gilt umso mehr in einer Branche wie dem Profifußball, die dermassen transparent und öffentlich ausgeleuchtet wird, hier noch einmal potenziert durch den unglaublichen Moment der Bomben. Wenn also Tuchel eine andere Auffassung hat als die VereinsfĂŒhrung – so fucking what? Was ist eigentlich mit KonfliktfĂ€higkeit und AmbiguitĂ€tstoleranz? Nicht jede Auseinandersetzung ist ein Bruch, eine Krise und das Ende der Zusammenarbeit. Wer sich berufliche Zusammenarbeit so vorstellt, hĂ€ngt an einer Idealvorstellung von Harmonie, die ich nicht teilen kann.

Und ich hĂ€tte mir gewĂŒnscht, einer der Spieler oder mehrere hĂ€tten gesagt ich kann und will nicht funktionieren. Das wĂ€re das Signal der Menschlichkeit gewesen.

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