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Paris und was es mit mir macht

Es hat gedauert, bis ich gestern meine Eltern erreichte, die gerade in Paris sind. Es geht ihnen gut. Es hat bis heute morgen gedauert, bis ich meinen engsten Mitarbeiter erreichte, Halbfranzose, der in Paris ist. Es geht ihm gut. Eben erst habe ich Nachricht von einem alten Freund erhalten, der in Paris lebt, auch ihm geht es gut.

Das ist alles, was ich an Gutem sagen kann. Ansonsten bin ich schockiert und hochgradig verwirrt. Denn dieser Angriff stellt mich und meine Werte und Ansichten in Frage. Sie bröckelten vorher und jetzt gerade bin ich konsterniert.

Ich möchte eine Gesellschaft, die queer ist, divers, mit WidersprĂŒchen, Chancen bietet, die Freiheit garantiert und Recht, die Gleichberechtigung postuliert und Schutz der Schwachen. Diese Gesellschaft wird angegriffen von Menschen, die all diese Werte ablehnen. Die etwas radikal Anderes wollen, etwas so dogmatisch DĂŒsteres, dass es mich schaudern lĂ€sst.

Wie geht eine Gesellschaft mit Menschen um, die diese Freiheiten radikal ablehnen, wie positioniere ich mich persönlich dazu? Jahrzehnte habe ich mit Vehemenz vorgetragen, dass wir zuhören mĂŒssen, Ungleichheiten beseitigen mĂŒssen und aufklĂ€ren. GelĂ€nge uns dies, so war ich ĂŒberzeugt, entziehen wir Terror die Grundlage. Ich bin mir dessen nicht mehr sicher.

Ich habe militĂ€rische Lösungen immer abgelehnt, mich aktiv gegen einseitige Verurteilungen von Religionen gestellt, letzteres obwohl ich organisierte Religion (nicht: Glaube) fĂŒr eine aberwitzige Fehlentwicklung halte. Und jetzt bin ich unglaublich wĂŒtend. Auf Menschen, die auf die Errungenschaften der freiesten Gesellschaft, in der Menschen je lebten, scheissen. Ich habe lĂ€ngst akzeptiert, dass unsere Gesellschaft immer angegriffen werden wird von Menschen, die sie ablehnen. Das ist fĂŒr mich gerade Teil des GrundgerĂŒstes der Gesellschaft, denn ich will den Wettstreit von Ideen, Weltanschauungen und Überzeugungen.

Aber ich erschrecke, wenn ich inzwischen ĂŒberlege, ob wir nicht deutlicher gegen diejenigen vorgehen mĂŒssen, die eine Demokratie abschaffen möchten und Blut auf den Strassen sehen wollen. Und ich warte sehnsĂŒchtig auf die muslimische Bewegung, die nicht nur Tausende auf die Strasse bekommt, wenn es um Hassreden gegen Israel und Juden geht, sondern die Tausende auf die Strasse bekommt um zu zeigen “not in our name”. Damit ist kein Kollektivschuldgedanke verbunden, vielmehr sei meine eigene Hilflosigkeit ausgedrĂŒckt angesichts von in Frankreich, England oder hier sozialisierter MĂ€nner (die unmittelbaren TĂ€ter sind fast ausschließlich MĂ€nner), deren BeweggrĂŒnde und Ziele ich nicht ansatzweise nachvollziehen kann. Darin unterscheiden sie sich etwa vom rechtsextremistischen Terror. Dessen Motive kann ich intellektuell nachvollziehen, so ekelig sie sein mögen, aber diese Menschen und ihre Handlungen kann ich jedenfalls teilweise begreifen. Islamisten aus Paris, London und Berlin begreife ich nicht ansatzweise.

Ich empöre mich genauso wie die meisten meiner Freunde ĂŒber Rechtspopulisten, die die AnschlĂ€ge instrumentalisieren, aber mein erster Gedanke geht eher dahin, dass ich mich frage, ob wir uns nicht erst um die Terroristen und deren Netzwerk und dann um Rezeption und Instrumentalisierung kĂŒmmern sollten. Mit den Rechtspopulisten bei uns werden wir fertig, denn wir kĂ€mpfen auf Augenhöhe – parlamentarisch, argumentativ. Mit radikalislamischen Terroristen können wir nicht reden. Ich kann es nicht. Und will es auch nicht.

Ich bin es auch fast leid, das Mantra von der Mehrheitsgesellschaft zu hören, die sich um die Benachteiligten besser kĂŒmmern muss. Sollte nicht der erste Gedanke sein, vom TĂ€ter zu verlangen, dass er eben nicht den Abzug an der AK zieht? Alles, was er tun muss, ist nicht zu schiessen. Dagegen wirken die Aufrufe an die Mehrheitsgesellschaft hilflos, pauschal und gleichzeitig so gewaltig gross. Wenn es heisst, der IS rekrutiere die GedemĂŒtigten und unter Rassismus leidenden jungen MĂ€nner in unseren StĂ€dten, dann mag das sogar so sein, aber Mensch, es ist doch kein Automatismus, dass ich dann losgehe und mich in einem Club in die Luft sprenge. Das ist meine individuelle Schuld. Meine Verantwortung und meine Entscheidung. Die nimmt mir keiner ab und ich bin nicht fremdgesteuert durch die Gesellschaft.

Ich suche den Weg wie man ohne ein rassistisches, islamophobes Arschloch zu sein (oder im zweiten Satz so genannt zu werden) sich gegen diese Bedrohung stellen kann. Ich suche den Weg angesichts des unermesslichen Leids der FlĂŒchtlinge aus Kriegsregionen gleichwohl berechtigte Sicherheitsinteressen in die Betrachtung der Gesamtsituation einbeziehen zu können.

Ich suche den Weg, diese freie, vielfÀltige Gesellschaft zu erhalten. Und weiss gerade nicht, wie es gehen soll.

[Update]: Habe versucht, zu konkretisieren.

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