Uncategorized

An die Grenze: Die Stille vor dem Schu├č

In den letzten Wochen hatte ich mehrfach den kurzen aber intensiven Drang, etwas zu den rechtspopulistischen Positionen in der Fl├╝chtlingsfrage im Allgemeinen und zur AfD im Besonderen zu schreiben. Ich lie├č es sein, denn ich hatte mir auferlegt, ├╝ber den Ekel nie mehr zu schreiben. Aber wie bei Pascow die zweieinhalb Minuten sein mussten, kurz einige Gedanken.

Zuerst ├Ąu├čerte sich Frauke Petry, sp├Ąter dann Beatrix von Storch. Es sei noch einmal zitiert.

Petry:

ÔÇ×Noch mal: Wie soll ein Grenzpolizist in diesem Fall reagieren?

Petry: Er muss den illegalen Grenz├╝bertritt verhindern, notfalls auch von der Schusswaffe Gebrauch machen. So steht es im Gesetz.

Es gibt in Deutschland ein Gesetz, das einen Schie├čbefehl an den Grenzen enth├Ąlt?

Petry: Ich habe das Wort Schie├čbefehl nicht benutzt. Kein Polizist will auf einen Fl├╝chtling schie├čen. Ich will das auch nicht. Aber zur Ultima Ratio geh├Ârt der Einsatz von Waffengewalt. (ÔÇŽ)ÔÇť

Storch:

“Wollt ihr etwa Frauen mit Kindern an der gr├╝nen Wiese den Zutritt mit Waffengewalt verhindern?”

“Ja”

Bereits vor diesen Debatten passte mir die gesamte Form der Debatte nicht, ich empfand sie als unsachlich, populistisch, intellektuell unehrlich. Und dies von beiden Seiten. Was mich dabei weitaus mehr schmerzte, waren die Anw├╝rfe von rechts au├čen, auch wenn ich sie in ihrer Einfachheit und Menschenfeindlichkeit erwartete. Zur gleichen Zeit aber nervte mich zutiefst, mit welcher Holzschnittartigkeit die Reaktion stattfand. Ich muss nicht auf einen Nazi Gro├čvater verweisen, um die Positionen von Storch blo├čzulegen. Ich darf es auch nicht. Was steckt denn dahinter? Soll sie in Sippenhaftung genommen werden f├╝r seine Verbrechen? Vererbt sich faschistisches Gedankengut? Really?

Ich kann und mu├č in einer politischen Debatte komplexeste Sachverhalte politisch diskutieren. Es ist aus meiner Sicht die hohe Kunst, Sachverhalte, die eigentlich Spezialwissen voraussetzen (rechtliches, ├Âkonomisches, technisches), so zu pr├Ąsentieren, dass eine Meinungsbildung m├Âglich ist. Was nicht das Ziel sein kann, ist die Entscheidungsfindung durch Experten, eine solche verschlie├čt sich einem politischen Meinungsbildungsproze├č und ist Gift f├╝r einen freien Diskurs.

Diese Aufgabe kann monumental sein je komplexer die Sachverhalte sind. Um so mehr verst├Ârt es mich, wenn bei eigentlich recht simpel gelagerten Fragen diese Sorgfalt mit F├╝├čen getreten wird. Worum geht es? Um das UZwG und die Frage, ob an der Grenze geschossen werden darf. Wie sind aus meiner Sicht die Aussagen der AfD Funktion├Ąrinnen zu verstehen? Eindeutig. Beide Fragesteller fragen explizit, wie ein Grenzer reagieren soll und gerade nicht, wie er reagieren darf. Das UZwG ist ein klassisches Gesetzt zur Legitimation staatlichen Handelns. Es stellt die Erm├Ąchtigungsgrundlage dar f├╝r die Frage, wann unmittelbarer Zwang (zu dem in einem abgestuften System als Ultima Ratio auch Schu├čwaffengebrauch geh├Ârt) gegen Menschen angewandt werden darf. Was es nicht sagt: Du, Grenzer, musst (oder auch nur: sollst) von der Schu├čwaffe Gebrauch machen. Es geht mir dabei nicht um eine regelrechte Subsumtion und Auslegung. Das hat Halina Wawzyniak hier schon besser gemacht: Das steht nicht im Gesetz. Das Ergebnis ist auch eindeutig: In den allerseltensten F├Ąllen wird der Schu├čwaffengebrauch an der Grenze ├╝berhaupt rechtm├Ą├čig sein.

Selbstverst├Ąndlich d├╝rfen und m├╝ssen Rechtsg├╝ter gesch├╝tzt werden. Dies ist eine der Kernaufgaben des Rechtsstaates. Es l├Ąsst sich daher niemals per se ausschlie├čen, dass staatliche Gewalt auch gegen Frauen und Kinder ausge├╝bt werden darf und sollte. Selbstverst├Ąndlich darf etwa, wenn Frauen und Kinder eine Synagoge angreifen, eine Kirche, eine Versammlung und Gefahr f├╝r Leib und Leben besteht, Gewalt eingesetzt werden und sollte es auch. Die gew├Ąhlten Beispiele allerdings unterscheiden sich in einem zentralen Punkt von der Grenzfrage, wie sie Storch und Petry verstehen: Es wird ein hohes Rechtsgut angegriffen. Auch dann muss ich unter Anwendung des Verh├Ąltnism├Ą├čigkeitsprinzips abw├Ągen, ob ich dieses Angriff durch Verletzung eines ebenfalls hohen Rechtsgutes abwenden darf.

Der AfD geht es darum gerade nicht. Die Forderung heisst: Die territoriale Integrit├Ąt des Landes soll durch Waffengewalt verteidigt werden. Ich will keine Fl├╝chtlinge, die einfach so ins Land kommen. Um diesen Zustand zu beenden “mu├č” der Grenzpolizist notfalls von der Waffe Gebrauch machen (so Petry) und es es ist der Wille von Storch, den Zutritt mit Waffengewalt zu verhindern. Und zwar diesen f├╝r sich genommen, allein den Grenz├╝bertritt. Das ist eiskalt und empathiebefreit. Man kann und sollte ├╝ber die Frage von Flucht und Zuwanderung diskutieren, wenn aber in dieser Diskussion davon ausgegangen wird, dass auf Fl├╝chtlinge geschossen werden soll, ist eine Grenze ├╝berschritten.

Kann man die ├äu├čerungen der AfD anders verstehen? Ich habe es versucht. Fangen wir bei Storch an: Sie ist Volljuristin. Und selbst wenn sie in ihrem beruflichen Leben noch keinen einzigen Blick in das UZwG geworfen hat, erwarte ich von ihr (und kann es auch, die juristische Ausbildung in diesem Land ist so schlecht nicht), da├č sie die Grundprinzipien der Rechtsg├╝terabw├Ągung und Verh├Ąltnism├Ą├čigkeit beherrscht und ber├╝cksichtigt. Und Frau Petry? Sie behauptet apodiktisch “es stehe im Gesetz”. Nein, das steht da nicht. Und das muss sie wissen. Beide Frauen sind definitiv schlau genug und kalkuliert genug, um zu wissen, was ihre Aussagen ausl├Âsen. Sie gaukeln damit eine einfache L├Âsung vor, die es nicht gibt, H├Ąrte und Konsequenz. Sie zeigen aber nur eine Verlotterung der Auseinandersetzung und ich f├╝rchte sie zeigen auch, was sie von humanistischen Idealen halten.

Schlie├člich liegt ihren Ausf├╝hrungen auch ein fundamentaler weiterer Irrglaube zugrunde: Ich bin der festen ├ťberzeugung, dass Grenzpolizisten in diesem Land weitaus ├╝berwiegend nicht einmal ansatzweise auf die Idee k├Ąmen, von der Schu├čwaffe Gebrauch zu machen gegen Fl├╝chtlinge. Ich bin dar├╝ber sehr froh. Und glauben die beiden wirklich, sie k├Ânnten die Grenzpolizisten dazu veranlassen? Sie irren.

Edit:
Die GdP stellt klar: Kein deutscher Polizist wird auf Fl├╝chtlinge schie├čen

Standard
Uncategorized

Paris und was es mit mir macht

Es hat gedauert, bis ich gestern meine Eltern erreichte, die gerade in Paris sind. Es geht ihnen gut. Es hat bis heute morgen gedauert, bis ich meinen engsten Mitarbeiter erreichte, Halbfranzose, der in Paris ist. Es geht ihm gut. Eben erst habe ich Nachricht von einem alten Freund erhalten, der in Paris lebt, auch ihm geht es gut.

Das ist alles, was ich an Gutem sagen kann. Ansonsten bin ich schockiert und hochgradig verwirrt. Denn dieser Angriff stellt mich und meine Werte und Ansichten in Frage. Sie br├Âckelten vorher und jetzt gerade bin ich konsterniert.

Ich m├Âchte eine Gesellschaft, die queer ist, divers, mit Widerspr├╝chen, Chancen bietet, die Freiheit garantiert und Recht, die Gleichberechtigung postuliert und Schutz der Schwachen. Diese Gesellschaft wird angegriffen von Menschen, die all diese Werte ablehnen. Die etwas radikal Anderes wollen, etwas so dogmatisch D├╝steres, dass es mich schaudern l├Ąsst.

Wie geht eine Gesellschaft mit Menschen um, die diese Freiheiten radikal ablehnen, wie positioniere ich mich pers├Ânlich dazu? Jahrzehnte habe ich mit Vehemenz vorgetragen, dass wir zuh├Âren m├╝ssen, Ungleichheiten beseitigen m├╝ssen und aufkl├Ąren. Gel├Ąnge uns dies, so war ich ├╝berzeugt, entziehen wir Terror die Grundlage. Ich bin mir dessen nicht mehr sicher.

Ich habe milit├Ąrische L├Âsungen immer abgelehnt, mich aktiv gegen einseitige Verurteilungen von Religionen gestellt, letzteres obwohl ich organisierte Religion (nicht: Glaube) f├╝r eine aberwitzige Fehlentwicklung halte. Und jetzt bin ich unglaublich w├╝tend. Auf Menschen, die auf die Errungenschaften der freiesten Gesellschaft, in der Menschen je lebten, scheissen. Ich habe l├Ąngst akzeptiert, dass unsere Gesellschaft immer angegriffen werden wird von Menschen, die sie ablehnen. Das ist f├╝r mich gerade Teil des Grundger├╝stes der Gesellschaft, denn ich will den Wettstreit von Ideen, Weltanschauungen und ├ťberzeugungen.

Aber ich erschrecke, wenn ich inzwischen ├╝berlege, ob wir nicht deutlicher gegen diejenigen vorgehen m├╝ssen, die eine Demokratie abschaffen m├Âchten und Blut auf den Strassen sehen wollen. Und ich warte sehns├╝chtig auf die muslimische Bewegung, die nicht nur Tausende auf die Strasse bekommt, wenn es um Hassreden gegen Israel und Juden geht, sondern die Tausende auf die Strasse bekommt um zu zeigen “not in our name”. Damit ist kein Kollektivschuldgedanke verbunden, vielmehr sei meine eigene Hilflosigkeit ausgedr├╝ckt angesichts von in Frankreich, England oder hier sozialisierter M├Ąnner (die unmittelbaren T├Ąter sind fast ausschlie├člich M├Ąnner), deren Beweggr├╝nde und Ziele ich nicht ansatzweise nachvollziehen kann. Darin unterscheiden sie sich etwa vom rechtsextremistischen Terror. Dessen Motive kann ich intellektuell nachvollziehen, so ekelig sie sein m├Âgen, aber diese Menschen und ihre Handlungen kann ich jedenfalls teilweise begreifen. Islamisten aus Paris, London und Berlin begreife ich nicht ansatzweise.

Ich emp├Âre mich genauso wie die meisten meiner Freunde ├╝ber Rechtspopulisten, die die Anschl├Ąge instrumentalisieren, aber mein erster Gedanke geht eher dahin, dass ich mich frage, ob wir uns nicht erst um die Terroristen und deren Netzwerk und dann um Rezeption und Instrumentalisierung k├╝mmern sollten. Mit den Rechtspopulisten bei uns werden wir fertig, denn wir k├Ąmpfen auf Augenh├Âhe – parlamentarisch, argumentativ. Mit radikalislamischen Terroristen k├Ânnen wir nicht reden. Ich kann es nicht. Und will es auch nicht.

Ich bin es auch fast leid, das Mantra von der Mehrheitsgesellschaft zu h├Âren, die sich um die Benachteiligten besser k├╝mmern muss. Sollte nicht der erste Gedanke sein, vom T├Ąter zu verlangen, dass er eben nicht den Abzug an der AK zieht? Alles, was er tun muss, ist nicht zu schiessen. Dagegen wirken die Aufrufe an die Mehrheitsgesellschaft hilflos, pauschal und gleichzeitig so gewaltig gross. Wenn es heisst, der IS rekrutiere die Gedem├╝tigten und unter Rassismus leidenden jungen M├Ąnner in unseren St├Ądten, dann mag das sogar so sein, aber Mensch, es ist doch kein Automatismus, dass ich dann losgehe und mich in einem Club in die Luft sprenge. Das ist meine individuelle Schuld. Meine Verantwortung und meine Entscheidung. Die nimmt mir keiner ab und ich bin nicht fremdgesteuert durch die Gesellschaft.

Ich suche den Weg wie man ohne ein rassistisches, islamophobes Arschloch zu sein (oder im zweiten Satz so genannt zu werden) sich gegen diese Bedrohung stellen kann. Ich suche den Weg angesichts des unermesslichen Leids der Fl├╝chtlinge aus Kriegsregionen gleichwohl berechtigte Sicherheitsinteressen in die Betrachtung der Gesamtsituation einbeziehen zu k├Ânnen.

Ich suche den Weg, diese freie, vielf├Ąltige Gesellschaft zu erhalten. Und weiss gerade nicht, wie es gehen soll.

[Update]: Habe versucht, zu konkretisieren.

Standard
Uncategorized

All good things come to an end

Ich bin mir sogar schon bei der Ansprache unsicher. Ich kenne ihn nicht, habe kein Wort mit ihm gewechselt, noch nicht mal die Hand gesch├╝ttelt. J├╝rgen ist mir zu kumpelhaft, Herr Klopp klingt als sei er mein Erdkunde-Lehrer. Ich probiere es (anma├čend?) mit der Spieler-Ansprache.

Hey, Trainer!

Danke f├╝r diese sieben Jahre. Danke daf├╝r, da├č ich meinem Verein emotional so nah war wie nie in 30 Jahren Fansein. Das bedeutet mir mehr als die Titel. Die Titel sind der Becher selbstgemachter Cr├Ęme Br├╗l├ęe. W├Ąre nicht n├Âtig gewesen, aber Schei├če, war 2011 geil. Davor habe ich nur 1997 eine solche Eruption erlebt in mir, im Club, bei den Fans. Das 1:0 im Pokal gegen F├╝rth gefolgt von der Demonstration in Berlin? Danke. Ich war in den fr├╝hen 2000ern weit weg von meinem Verein, nicht nur r├Ąumlich, denn das bin ich jetzt auch, sondern emotional. Ich war bereits an der Grenze, da├č mich Themen nicht mehr ge├Ąrgert haben, sie wurden mir fast egal. Diese Entwicklung kippte ins Gegenteil, als Klopp ├╝bernahm. Mir ist bewu├čt, da├č sich der Klub um ihn herum professionalisierte, eine Marke aufgebaut wurde. Ich bin Businesskasper und glaube, ├Âkonomische Prinzipen und Maximen und die Kommunikationsspolitik der Borussia Dortmund GmbH & Co. Kommanditgesellschaft auf Aktien verstanden zu haben. Ein solches kalkuliertes Schaffen von Projektionsfl├Ąchen ist weit vom Schotterplatz und selbstgewaschenen Stutzen entfernt und wie ernst es die Beteiligten mit ihrem Claim von Echter Liebe meinten, verst├Ârte mich dann doch manchmal.

Und inmitten dieser b├Ârsennotierten KGaA dann J├╝rgen Klopp (Hey, Trainer!) der bei mir ein seltsames positives St├Ârgef├╝hl ausl├Âste. Denn ihn empfand und empfinde ich als echt und authentisch – jedenfalls soweit meine Wahrnehmung reicht. Sein Verhalten wirkt nicht antrainiert und in offsite meetings im Sauerlandstern einstudiert, das ist der Trainer.

Was ich aber eben auch mag war seine Arroganz, es schlicht besser zu wissen als die meisten Anderen da drau├čen, Journalisten eingeschlossen. Man mag das unprofessionell nennen oder auch unsympathisch. Ich finde es cool, wenn jemand von sich ├╝berzeugt ist und eine Mission hat, von der er glaubt, er alleine sei der Richtige daf├╝r. Und er war der Richtige.

Und in dem Moment wo der Verein und wohl auch er erkennt, da├č Klopp in einem sch├Ądlichen Ausma├č messianisch ├╝berh├Âht wird und da├č Andere vielleicht mehr erreichen k├Ânnen, da geht er. Oder wird gegangen. Was mir fast egal ist. Er geht zu einem Zeitpunkt, der dem Verein die M├Âglichkeit l├Ąsst, zu reagieren, mit Spielern zu reden und den Umbruch im Sommer vorzubereiten. Wenn es gespielt war, wie Klopp vom Verein sprach auf der PK, von sich, dann war es begnadet gespielt. Ich nehme ihm ab, da├č er ging als Ergebnis einer Selbstreflexion.

Hey Trainer, ich brauche ein Ticket gegen Werder. Ich m├Âchte Tsch├╝├č sagen und mir ein Tr├Ąnchen aus den Augen wischen.

For those about to rock, we salute you.

Standard
Uncategorized, Zeug

Wem die Glocke bimmelt

Ich komme nicht mehr raus. Und darum in kurzen Worten die unglaubliche Geschichte, wie ich einmal eine Klausur schreiben wollte und eine Glocke bimmelte, ich einen Tag l├Ąnger leiden musste und in einer Rechtskurve von der Bornholmer Strasse in die Sch├Ânhauser Allee einbiegend bei langsamer Fahrt aus der halbge├Âffneten Beifahrert├╝r auf den regennassen Asphalt kotzte.

Und das kam so.

Ich habe ja nicht nur ein, sondern gleich zwei Staatsexamina absolviert. Nummer eins 1998 und Nummer zwei 2001. Diese ganze Zeit muss so traumatisierend gewesen sein, dass ich wahrscheinlich Ereignisse aus beiden Schlachten vermische. Schlacht ist jedenfalls ein bewusst gew├Ąhlter Ausdruck. Mir sind solche unw├╝rdigen, beklemmenden und insgesamt in keiner Weise zu geniessenden Momente wie sie ein Staatsexamen nun einmal darstellt eher ertr├Ąglich, wenn ich mir vorstelle, ich w├╝rde eigentlich gerade eine Heldentat epischen Ausmasses vollbringen und in die Schlacht ziehen, in einen Kampf Mann gegen Mann. Tats├Ąchlich war der Gegner ein Blatt Papier und ich lediglich mit mehreren Kilo Kommentarliteratur bewaffnet (hier vermischen sich ├╝brigens bereits die Examina zu einem dumpfen Erinnerungsblock, denn bei Nummer 1 gab es nur Gesetze, bei Nummmer 2 auch Kommentare). Alle anderen waren besser vorbereitet, strebhafter und es bringt einem in der U-Bahn zum Justizpr├╝fungsamt einen feuchten Dreck, dass man vermutet l├Ąssiger und cooler war als die Fraktion Mazda MX5 und H├ęrmes-T├╝chlein. Es hilft einem da auch nicht, dass man sich ├╝ber mehrere Jahre in einer Band in Kreuzberger Kneipen selbstverwirklicht hatte.

Aber man hatte die Musik. Ich hatte Boltthrower.

…for Victory

Es sind mehrere Klausuren gewesen und ich schaue jetzt nicht nach, wie viele, ich habe es vergessen und so soll es bleiben. Auf der Fahrt zu jeder Klausur habe ich …for Victory von Boltthrower geh├Ârt. Jedenfalls im ersten Examen, beim zweiten war dann schon meine sp├Ątere Frau in mein Leben getreten und ich habe denke ich so getan, als ginge ich eben Erdbeeren pfl├╝cken und habe die Zeitung gegriffen f├╝r den Weg ins JPA und nur kurz gerufen “Bis sp├Ąter Schatz!” Ich wollte sie beeindrucken. Sie ist noch bei mir. Mir war auch das Zwote dann egal, sie war ja da.

Das JPA liegt in Berlin direkt am Rathaus Sch├Âneberg. Das kennt ihr nat├╝rlich von der sch├Ânsten und ber├╝hrendsten Darbietung unserer Hymne, vorgetragen von Walter “Supamolly” Momper, Willy Brandt und Helmut Kohl.

Deutschlandlied / Sch├Âneberger Fassung

Irgendwann 2001 ging die Freiheitsglocke kaputt und musste repariert werden. Ein grosser Tag f├╝r die Hauptstadt. Irgendwann war sie wieder heile und musste zur├╝ck an ihren angestammten Platz gebracht und dort eingebimmelt werden. Auf dass sie wieder so bimmeln m├Âge:

Freiheitsglocke, bimmelnd

Dieser Bimmeltag war ein Klausurtag. Und weil die Welt uns bereits unertr├Ąglich findet, wenn wir noch nicht einmal richtige Juristen sind, sondern nur stocksteife Angeber, hat man uns, als wir bereits alle brav sa├čen, mitgeteilt, wir k├Ânnten wieder nach Hause gehen, die Glocke w├╝rde zu laut bimmeln und das Schreiben einer Klausur sei unzumutbar.

Gekotzt habe ich dann mit Astrid im Auto nach der Examensfeier. Und wir haben Tocotronic geh├Ârt. Sie ist die tollste Frau der Welt, aber Boltthrower darf ich nicht im Auto h├Âren. Sie sagt aber, und so toll ist sie, “Warte, ich fahr langsam und du kotzt halt raus. Landet was im Auto putzt du den Mist selbst weg!” Liebe.

Mehr ist nicht.

Dick: The first thing we do, let’s kill all the lawyers.
Cade: Nay, that I mean to do.
William Shakespeare, Henry the Sixth, Part II

Standard
Uncategorized

Auberginen sind f├╝r mich gestorben.

Ich fritiere, ich d├╝nste, ich backe, ich grille, und neuerdings nutze ich sogar ADN (Advanced Dampf Nahrungsmittelerhitzer). ADN ist so etwas wie blanchieren, nur dass es 36mal so gesund ist. All diese Aktivit├Ąten in der K├╝che betreibe ich, weil ich als Ehemann und Vater erreichbar sein will und meinen Beitrag leisten m├Âchte. Insbesondere koche ich, weil es auch viele Journalisten und Kollegen tun. Der kleine Plausch beim Kochen und Grillen d├╝rfte gerade bei fleischaffinen Journalisten und Politikern die SMS abgel├Âst haben.

Kochen ist ein Versprechen: dauerhafte Verf├╝g- und Erreichbarkeit sowie die M├Âglichkeit, potentiell unendlich gro├č Mengen Fleisch und Fritten zu essen. Mittlerweile habe ich 22.500 Gerichte zubereitet, was man beachtlich finden kann. Oder auch nicht. Der hauseigene Analysedienst Koch-Analytics brachte mich auf die Frage, ob Kochen ├╝berhaupt etwas bringt. Koch-Analytics zeigt mir an, wie oft ein Gericht, das ich zubereite, tats├Ąchlich gegessen wird. Ern├╝chternde Erkenntnis: Mir m├Âgen zwar 22.500 Gerichte gelungen sein, aber im besten Fall werden 2.000 von dern Gerichten gegessen, die ich anbiete. Im Durchschnitt irgendetwas um die 500. Gro├če Imbisse haben eine Auflage von mehr als 350.000 W├╝rstchen. Selbst bei der konservativsten Rechnung, dass nur ein Prozent der Kunden ├╝berhaupt bis zum Imbiss gekommen ist und ein W├╝rstchen verzehrt, w├Ąren das noch immer mehr, als auf meine Gerichte abfahren. Wenn ich in einer Kochsendung des ├Âffentlich-rechtlichen Fernsehens sitze, erreichte ich sogar ein Millionenpublikum.

Wer profitiert von dieser permanenten Kochschau?

Daf├╝r kostet mich Kochen Zeit. Jeden Tag geht, seit Mitte 2009 grob gerechnet, mindestens eine Stunde daf├╝r drauf. Das sind 166 Acht-Stunden-Arbeitstage seit 2009, die ich nur mit Kochen verbracht habe. Wenn jedes meiner 60.000 Gerichte die Maximalkomplexit├Ąt gehabt h├Ątte, k├Ąme ich auf ungef├Ąhr 800 Men├╝s zu je rund 10.000 Bissen; das sind mehr als zwei L├Âwen!

Daf├╝r kostet mich Kochen Nerven. Jeden Tag aufstehen und mindestens einen doofen Kommentar, eine Beleidigung durch die Familie ertragen. Seit ich Hobbykoch bin, habe ich mehr als 500 Essen weggeschmissen, das hei├čt, diese k├Ânnen mir nicht mehr folgen, und wenn sie einmal weggeworfen sind, sehe ich sie nicht mehr. Man stelle sich vor, ich h├Ątte in einem Jahr 500 freiwiligge Esser finden m├╝ssen, Menschen, die sich mir n├Ąhern oder mit mir kommunizieren. Dadurch entsteht sozialer Stress. Menschen kochen w├Ąhend ihrer Depressionen, sie Kochen im Affekt Ungeniessbares, Dinge, die ich nicht essen m├Âchte. Wenn ich diese Menschen abkoppele, muss ich mich daf├╝r ihnen gegen├╝ber rechtfertigen. Jetzt wird ein Koch-Experte dazwischenrufen: ÔÇ×Aber du kannst sie doch f├╝r einen Zeitraum X einfach nicht mehr einladen!ÔÇť Ja, sage ich, aber will ich das? Warum soll ich als Koch auf einmal eine Filterleistung vollbringen, die ich mir eigentlich vom Gast w├╝nsche? Ist es zu viel verlangt, dass sich alle, egal, in welcher Kommunikationsform, vorm Essen folgende drei Fragen stellen: Muss es gesagt werden? Muss es jetzt gesagt werden? Muss es jetzt von mir gesagt werden? Und: Welcher Mehrwert entsteht denn durch diese permanente Nabelschau beim Kochen konkret und f├╝r wen?

Diese Frage treibt mich um, ich habe aber keine Lust, sie hier zu vertiefen. Wenn eine seri├Âse Tageszeitung kommt, ├╝berlege ich es mir noch einmal. Jetzt gilt es noch zu liefern, an die Ina Steinbach. Warum verachte ich Auberginen? Es ist einfach schleimiges Gelumpe, das in keiner Zubereitungsform Geschmack annimmt. Aussen z├Ąhe Lederpelle, innen Pampe. Ich habe versucht, sie hauchd├╝nn zu schneiden und mit Fleur de Sel und Zitrone zu grillen. Mit dem Ergebnis, dass ich mich gefragt habe, warum nehme ich nicht gleich eine Paprika? Ich habe versucht, sie in einem Ratatouille so geschickt unterzumischen, dass man sie nicht bemerkt mit der Folge, dass sich beeindruckende Restepyramiden auf den Tellern von Kind 1, Kind 2 und mir gebildet haben. Ich m├Âchte das nicht.

Standard
Uncategorized, Zeug

Keine Lieder ├╝ber Kinder

Im Angesicht dieses Schmalzgebackenen, das mir gestern in die Timeline gesp├╝lt wurde, in aller Deutlichkeit:

Man singt nicht ├╝ber seine Kinder. Niemals. Es wird ausnahmslos furchtbar und ist f├╝r keinen relevant ausser einen selbst.

Also jetzt hier zur Einstimmung Hartmut Engler heisst er glaube ich mit einem Lied f├╝r seine Tochter (der Klumpatsch ist nat├╝rlich nicht mal embeddbar)

index.html?contentId=133764&initialTab=related#top

Ich wiederhole mich, aber: furchtbar. Man kann ├╝ber Kinder noch nicht einmal auf Englisch singen. Man kann mit seinen Kindern singen, im Auto, zu Hause, im Park. Das ist grossartig. Man kann ihnen Gutenachtlieder singen, das ber├╝hrt. Aber man kann nicht die Menschheit damit begl├╝cken wollen, zu erz├Ąhlen, wieviel einem Mandy, Cindy, Vida oder Walpurga bedeuten. Kinder sind niedlich? Geschenkt, ist so. Kinder k├Ânnen einen ber├╝hren? Geschenkt, ist so. Kinder will man besch├╝tzen? Ja, nat├╝rlich. Habe zwei davon und sie sind alles f├╝r mich, sie reiten auf meinen Schultern und ich bewache alle ihre Tr├Ąume mit einer Waffe neben ihrem Bett. Aber ich bem├╝he mich, nicht st├Ąndig die Gottgleichheit meiner Kinder in die Welt zu br├╝llen und irritiert zu gucken, wenn der Addressat sich nicht gleich vor Begeisterung im Staub w├Ąlzt.

Behaltet eure Kinder f├╝r euch. Wenn ich euch mit ihnen treffe, spiele ich gerne Fussball mit ihnen oder Luftgitarre, schnitze mit h├Âllisch scharfen Messern Speere oder zocke ohne dass ihr es wisst 5 Stunden Call of Duty Black Ops mit ihnen. Aber bitte, bitte singt mir nicht mit begl├╝cktem Gesichtsausdruck vor, wie toll sie sind, was sie euch bedeuten und dass ihr so, so gl├╝cklich seid. Gerne auch noch mit einem gehauchten Dank an Gott. Hallo? Gehts noch? Unertr├Ąglich. Zudem bewahrheitet sich das, was Frau Potz sagt: Jeder, der ne Tele spielt, h├Ąlt sich f├╝r nen Poeten. Und der Herre tut nicht mal das. Also Telecastern.

Wenn Kinder, dann so:

Standard
Uncategorized

Das ist kein M16, das ist ein M4A1.

Ich habe Zivildienst gemacht. Als wahrscheinlich ├Ąltester Zivi Berlins mit 25 nach dem ersten Staatsexamen. Dabei war ich schon einberufen zu den Panzergrenadieren nach Hamburg. Ich sollte mich dort einfinden am Tag meiner 3. Klausur. Konnte ich also nicht und liess mich mit dem zust├Ąndigen Uffze verbinden. “Guten Tag Herr General, hier Vogel, ich komme nicht, Sch├Ânen Tag noch!” Aufgelegt.

Dabei hatte mir die Bundeswehr sogar angeboten, mir den Grundwehrdienst vollst├Ąndig zu erlassen, wenn ich mich als Jurist irgendwo im Filbinger-Korps einfinde und als Beisitzer besoffene 18j├Ąhrige verurteile, die lieber saufen und fummeln, als Kasernen zu schrubben. Hat mich nicht ├╝berzeugt.

Musste ich also verweigern und tat dies schriftlich unter emotionaler Schilderung all der gruseligen Geschichten meines Grossvaters aus den Bombenn├Ąchten im Bochum. Das ganze Programm. Und dann doch vor die Kommission geholt, weil ich eben schon einberufen war. Ging dann glatt, sie waren nur erstaunt, warum ich mich nie zur Musterung eingefunden h├Ątte. “Bei euch in diesem Scheissladen?” “Habe ich vergessen, tut mir ehrlich leid, musste ja f├╝rs Studium lernen”. Habe dann eine wunderbare Zivi-Stelle in Berlin gefunden und konnte mit k├Ârperlich und geistig behinderten Kindern arbeiten. Nicht ohne vorher noch grosskotzig als frisch Examinierter auf dem Zivi-Lehrgang in Braunschweig den engagierten Dozenten zurechtzuweisen, als er uns ├╝ber unsere Grundrechte als Zivi aufkl├Ąrte.

Insgesamt eine wunderbare und teilweise sehr emotionale Zeit als Zivi in einem Schullandheim in Berlin-Kladow, noch heute kann ich alles handwerliche (wenig genug) nur, weil der polnische Hausmeister den unf├Ąhigen Studenten anlernte. “Sie haben studiert? So so.”

Warum diese Ausf├╝hrungen? Weil ich mich heute in stillen Momenten immer noch frage, wie es eigentlich sein kann, dass ich als Kriegsdienst-Verweigerer m├╝helos eine AK74 von einem Typ 56 unterscheiden kann und nat├╝rlich weiss, dass ein M4A1 kein M16 ist. Mir ist auch klar, das die 82. Luftlandedivision airborne ist, w├Ąhrend die 101. Luftlandedivision f├╝r den air assault vorgesehen ist. War, war never changes.

 

Standard