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An die Grenze: Die Stille vor dem Schuß

In den letzten Wochen hatte ich mehrfach den kurzen aber intensiven Drang, etwas zu den rechtspopulistischen Positionen in der Flüchtlingsfrage im Allgemeinen und zur AfD im Besonderen zu schreiben. Ich ließ es sein, denn ich hatte mir auferlegt, über den Ekel nie mehr zu schreiben. Aber wie bei Pascow die zweieinhalb Minuten sein mussten, kurz einige Gedanken.

Zuerst äußerte sich Frauke Petry, später dann Beatrix von Storch. Es sei noch einmal zitiert.

Petry:

„Noch mal: Wie soll ein Grenzpolizist in diesem Fall reagieren?

Petry: Er muss den illegalen Grenzübertritt verhindern, notfalls auch von der Schusswaffe Gebrauch machen. So steht es im Gesetz.

Es gibt in Deutschland ein Gesetz, das einen Schießbefehl an den Grenzen enthält?

Petry: Ich habe das Wort Schießbefehl nicht benutzt. Kein Polizist will auf einen Flüchtling schießen. Ich will das auch nicht. Aber zur Ultima Ratio gehört der Einsatz von Waffengewalt. (…)“

Storch:

“Wollt ihr etwa Frauen mit Kindern an der grünen Wiese den Zutritt mit Waffengewalt verhindern?”

“Ja”

Bereits vor diesen Debatten passte mir die gesamte Form der Debatte nicht, ich empfand sie als unsachlich, populistisch, intellektuell unehrlich. Und dies von beiden Seiten. Was mich dabei weitaus mehr schmerzte, waren die Anwürfe von rechts außen, auch wenn ich sie in ihrer Einfachheit und Menschenfeindlichkeit erwartete. Zur gleichen Zeit aber nervte mich zutiefst, mit welcher Holzschnittartigkeit die Reaktion stattfand. Ich muss nicht auf einen Nazi Großvater verweisen, um die Positionen von Storch bloßzulegen. Ich darf es auch nicht. Was steckt denn dahinter? Soll sie in Sippenhaftung genommen werden für seine Verbrechen? Vererbt sich faschistisches Gedankengut? Really?

Ich kann und muß in einer politischen Debatte komplexeste Sachverhalte politisch diskutieren. Es ist aus meiner Sicht die hohe Kunst, Sachverhalte, die eigentlich Spezialwissen voraussetzen (rechtliches, ökonomisches, technisches), so zu präsentieren, dass eine Meinungsbildung möglich ist. Was nicht das Ziel sein kann, ist die Entscheidungsfindung durch Experten, eine solche verschließt sich einem politischen Meinungsbildungsprozeß und ist Gift für einen freien Diskurs.

Diese Aufgabe kann monumental sein je komplexer die Sachverhalte sind. Um so mehr verstört es mich, wenn bei eigentlich recht simpel gelagerten Fragen diese Sorgfalt mit Füßen getreten wird. Worum geht es? Um das UZwG und die Frage, ob an der Grenze geschossen werden darf. Wie sind aus meiner Sicht die Aussagen der AfD Funktionärinnen zu verstehen? Eindeutig. Beide Fragesteller fragen explizit, wie ein Grenzer reagieren soll und gerade nicht, wie er reagieren darf. Das UZwG ist ein klassisches Gesetzt zur Legitimation staatlichen Handelns. Es stellt die Ermächtigungsgrundlage dar für die Frage, wann unmittelbarer Zwang (zu dem in einem abgestuften System als Ultima Ratio auch Schußwaffengebrauch gehört) gegen Menschen angewandt werden darf. Was es nicht sagt: Du, Grenzer, musst (oder auch nur: sollst) von der Schußwaffe Gebrauch machen. Es geht mir dabei nicht um eine regelrechte Subsumtion und Auslegung. Das hat Halina Wawzyniak hier schon besser gemacht: Das steht nicht im Gesetz. Das Ergebnis ist auch eindeutig: In den allerseltensten Fällen wird der Schußwaffengebrauch an der Grenze überhaupt rechtmäßig sein.

Selbstverständlich dürfen und müssen Rechtsgüter geschützt werden. Dies ist eine der Kernaufgaben des Rechtsstaates. Es lässt sich daher niemals per se ausschließen, dass staatliche Gewalt auch gegen Frauen und Kinder ausgeübt werden darf und sollte. Selbstverständlich darf etwa, wenn Frauen und Kinder eine Synagoge angreifen, eine Kirche, eine Versammlung und Gefahr für Leib und Leben besteht, Gewalt eingesetzt werden und sollte es auch. Die gewählten Beispiele allerdings unterscheiden sich in einem zentralen Punkt von der Grenzfrage, wie sie Storch und Petry verstehen: Es wird ein hohes Rechtsgut angegriffen. Auch dann muss ich unter Anwendung des Verhältnismäßigkeitsprinzips abwägen, ob ich dieses Angriff durch Verletzung eines ebenfalls hohen Rechtsgutes abwenden darf.

Der AfD geht es darum gerade nicht. Die Forderung heisst: Die territoriale Integrität des Landes soll durch Waffengewalt verteidigt werden. Ich will keine Flüchtlinge, die einfach so ins Land kommen. Um diesen Zustand zu beenden “muß” der Grenzpolizist notfalls von der Waffe Gebrauch machen (so Petry) und es es ist der Wille von Storch, den Zutritt mit Waffengewalt zu verhindern. Und zwar diesen für sich genommen, allein den Grenzübertritt. Das ist eiskalt und empathiebefreit. Man kann und sollte über die Frage von Flucht und Zuwanderung diskutieren, wenn aber in dieser Diskussion davon ausgegangen wird, dass auf Flüchtlinge geschossen werden soll, ist eine Grenze überschritten.

Kann man die Äußerungen der AfD anders verstehen? Ich habe es versucht. Fangen wir bei Storch an: Sie ist Volljuristin. Und selbst wenn sie in ihrem beruflichen Leben noch keinen einzigen Blick in das UZwG geworfen hat, erwarte ich von ihr (und kann es auch, die juristische Ausbildung in diesem Land ist so schlecht nicht), daß sie die Grundprinzipien der Rechtsgüterabwägung und Verhältnismäßigkeit beherrscht und berücksichtigt. Und Frau Petry? Sie behauptet apodiktisch “es stehe im Gesetz”. Nein, das steht da nicht. Und das muss sie wissen. Beide Frauen sind definitiv schlau genug und kalkuliert genug, um zu wissen, was ihre Aussagen auslösen. Sie gaukeln damit eine einfache Lösung vor, die es nicht gibt, Härte und Konsequenz. Sie zeigen aber nur eine Verlotterung der Auseinandersetzung und ich fürchte sie zeigen auch, was sie von humanistischen Idealen halten.

Schließlich liegt ihren Ausführungen auch ein fundamentaler weiterer Irrglaube zugrunde: Ich bin der festen Überzeugung, dass Grenzpolizisten in diesem Land weitaus überwiegend nicht einmal ansatzweise auf die Idee kämen, von der Schußwaffe Gebrauch zu machen gegen Flüchtlinge. Ich bin darüber sehr froh. Und glauben die beiden wirklich, sie könnten die Grenzpolizisten dazu veranlassen? Sie irren.

Edit:
Die GdP stellt klar: Kein deutscher Polizist wird auf Flüchtlinge schießen

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Paris und was es mit mir macht

Es hat gedauert, bis ich gestern meine Eltern erreichte, die gerade in Paris sind. Es geht ihnen gut. Es hat bis heute morgen gedauert, bis ich meinen engsten Mitarbeiter erreichte, Halbfranzose, der in Paris ist. Es geht ihm gut. Eben erst habe ich Nachricht von einem alten Freund erhalten, der in Paris lebt, auch ihm geht es gut.

Das ist alles, was ich an Gutem sagen kann. Ansonsten bin ich schockiert und hochgradig verwirrt. Denn dieser Angriff stellt mich und meine Werte und Ansichten in Frage. Sie bröckelten vorher und jetzt gerade bin ich konsterniert.

Ich möchte eine Gesellschaft, die queer ist, divers, mit Widersprüchen, Chancen bietet, die Freiheit garantiert und Recht, die Gleichberechtigung postuliert und Schutz der Schwachen. Diese Gesellschaft wird angegriffen von Menschen, die all diese Werte ablehnen. Die etwas radikal Anderes wollen, etwas so dogmatisch Düsteres, dass es mich schaudern lässt.

Wie geht eine Gesellschaft mit Menschen um, die diese Freiheiten radikal ablehnen, wie positioniere ich mich persönlich dazu? Jahrzehnte habe ich mit Vehemenz vorgetragen, dass wir zuhören müssen, Ungleichheiten beseitigen müssen und aufklären. Gelänge uns dies, so war ich überzeugt, entziehen wir Terror die Grundlage. Ich bin mir dessen nicht mehr sicher.

Ich habe militärische Lösungen immer abgelehnt, mich aktiv gegen einseitige Verurteilungen von Religionen gestellt, letzteres obwohl ich organisierte Religion (nicht: Glaube) für eine aberwitzige Fehlentwicklung halte. Und jetzt bin ich unglaublich wütend. Auf Menschen, die auf die Errungenschaften der freiesten Gesellschaft, in der Menschen je lebten, scheissen. Ich habe längst akzeptiert, dass unsere Gesellschaft immer angegriffen werden wird von Menschen, die sie ablehnen. Das ist für mich gerade Teil des Grundgerüstes der Gesellschaft, denn ich will den Wettstreit von Ideen, Weltanschauungen und Überzeugungen.

Aber ich erschrecke, wenn ich inzwischen überlege, ob wir nicht deutlicher gegen diejenigen vorgehen müssen, die eine Demokratie abschaffen möchten und Blut auf den Strassen sehen wollen. Und ich warte sehnsüchtig auf die muslimische Bewegung, die nicht nur Tausende auf die Strasse bekommt, wenn es um Hassreden gegen Israel und Juden geht, sondern die Tausende auf die Strasse bekommt um zu zeigen “not in our name”. Damit ist kein Kollektivschuldgedanke verbunden, vielmehr sei meine eigene Hilflosigkeit ausgedrückt angesichts von in Frankreich, England oder hier sozialisierter Männer (die unmittelbaren Täter sind fast ausschließlich Männer), deren Beweggründe und Ziele ich nicht ansatzweise nachvollziehen kann. Darin unterscheiden sie sich etwa vom rechtsextremistischen Terror. Dessen Motive kann ich intellektuell nachvollziehen, so ekelig sie sein mögen, aber diese Menschen und ihre Handlungen kann ich jedenfalls teilweise begreifen. Islamisten aus Paris, London und Berlin begreife ich nicht ansatzweise.

Ich empöre mich genauso wie die meisten meiner Freunde über Rechtspopulisten, die die Anschläge instrumentalisieren, aber mein erster Gedanke geht eher dahin, dass ich mich frage, ob wir uns nicht erst um die Terroristen und deren Netzwerk und dann um Rezeption und Instrumentalisierung kümmern sollten. Mit den Rechtspopulisten bei uns werden wir fertig, denn wir kämpfen auf Augenhöhe – parlamentarisch, argumentativ. Mit radikalislamischen Terroristen können wir nicht reden. Ich kann es nicht. Und will es auch nicht.

Ich bin es auch fast leid, das Mantra von der Mehrheitsgesellschaft zu hören, die sich um die Benachteiligten besser kümmern muss. Sollte nicht der erste Gedanke sein, vom Täter zu verlangen, dass er eben nicht den Abzug an der AK zieht? Alles, was er tun muss, ist nicht zu schiessen. Dagegen wirken die Aufrufe an die Mehrheitsgesellschaft hilflos, pauschal und gleichzeitig so gewaltig gross. Wenn es heisst, der IS rekrutiere die Gedemütigten und unter Rassismus leidenden jungen Männer in unseren Städten, dann mag das sogar so sein, aber Mensch, es ist doch kein Automatismus, dass ich dann losgehe und mich in einem Club in die Luft sprenge. Das ist meine individuelle Schuld. Meine Verantwortung und meine Entscheidung. Die nimmt mir keiner ab und ich bin nicht fremdgesteuert durch die Gesellschaft.

Ich suche den Weg wie man ohne ein rassistisches, islamophobes Arschloch zu sein (oder im zweiten Satz so genannt zu werden) sich gegen diese Bedrohung stellen kann. Ich suche den Weg angesichts des unermesslichen Leids der Flüchtlinge aus Kriegsregionen gleichwohl berechtigte Sicherheitsinteressen in die Betrachtung der Gesamtsituation einbeziehen zu können.

Ich suche den Weg, diese freie, vielfältige Gesellschaft zu erhalten. Und weiss gerade nicht, wie es gehen soll.

[Update]: Habe versucht, zu konkretisieren.

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All good things come to an end

Ich bin mir sogar schon bei der Ansprache unsicher. Ich kenne ihn nicht, habe kein Wort mit ihm gewechselt, noch nicht mal die Hand geschüttelt. Jürgen ist mir zu kumpelhaft, Herr Klopp klingt als sei er mein Erdkunde-Lehrer. Ich probiere es (anmaßend?) mit der Spieler-Ansprache.

Hey, Trainer!

Danke für diese sieben Jahre. Danke dafür, daß ich meinem Verein emotional so nah war wie nie in 30 Jahren Fansein. Das bedeutet mir mehr als die Titel. Die Titel sind der Becher selbstgemachter Crème Brûlée. Wäre nicht nötig gewesen, aber Scheiße, war 2011 geil. Davor habe ich nur 1997 eine solche Eruption erlebt in mir, im Club, bei den Fans. Das 1:0 im Pokal gegen Fürth gefolgt von der Demonstration in Berlin? Danke. Ich war in den frühen 2000ern weit weg von meinem Verein, nicht nur räumlich, denn das bin ich jetzt auch, sondern emotional. Ich war bereits an der Grenze, daß mich Themen nicht mehr geärgert haben, sie wurden mir fast egal. Diese Entwicklung kippte ins Gegenteil, als Klopp übernahm. Mir ist bewußt, daß sich der Klub um ihn herum professionalisierte, eine Marke aufgebaut wurde. Ich bin Businesskasper und glaube, ökonomische Prinzipen und Maximen und die Kommunikationsspolitik der Borussia Dortmund GmbH & Co. Kommanditgesellschaft auf Aktien verstanden zu haben. Ein solches kalkuliertes Schaffen von Projektionsflächen ist weit vom Schotterplatz und selbstgewaschenen Stutzen entfernt und wie ernst es die Beteiligten mit ihrem Claim von Echter Liebe meinten, verstörte mich dann doch manchmal.

Und inmitten dieser börsennotierten KGaA dann Jürgen Klopp (Hey, Trainer!) der bei mir ein seltsames positives Störgefühl auslöste. Denn ihn empfand und empfinde ich als echt und authentisch – jedenfalls soweit meine Wahrnehmung reicht. Sein Verhalten wirkt nicht antrainiert und in offsite meetings im Sauerlandstern einstudiert, das ist der Trainer.

Was ich aber eben auch mag war seine Arroganz, es schlicht besser zu wissen als die meisten Anderen da draußen, Journalisten eingeschlossen. Man mag das unprofessionell nennen oder auch unsympathisch. Ich finde es cool, wenn jemand von sich überzeugt ist und eine Mission hat, von der er glaubt, er alleine sei der Richtige dafür. Und er war der Richtige.

Und in dem Moment wo der Verein und wohl auch er erkennt, daß Klopp in einem schädlichen Ausmaß messianisch überhöht wird und daß Andere vielleicht mehr erreichen können, da geht er. Oder wird gegangen. Was mir fast egal ist. Er geht zu einem Zeitpunkt, der dem Verein die Möglichkeit lässt, zu reagieren, mit Spielern zu reden und den Umbruch im Sommer vorzubereiten. Wenn es gespielt war, wie Klopp vom Verein sprach auf der PK, von sich, dann war es begnadet gespielt. Ich nehme ihm ab, daß er ging als Ergebnis einer Selbstreflexion.

Hey Trainer, ich brauche ein Ticket gegen Werder. Ich möchte Tschüß sagen und mir ein Tränchen aus den Augen wischen.

For those about to rock, we salute you.

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Wem die Glocke bimmelt

Ich komme nicht mehr raus. Und darum in kurzen Worten die unglaubliche Geschichte, wie ich einmal eine Klausur schreiben wollte und eine Glocke bimmelte, ich einen Tag länger leiden musste und in einer Rechtskurve von der Bornholmer Strasse in die Schönhauser Allee einbiegend bei langsamer Fahrt aus der halbgeöffneten Beifahrertür auf den regennassen Asphalt kotzte.

Und das kam so.

Ich habe ja nicht nur ein, sondern gleich zwei Staatsexamina absolviert. Nummer eins 1998 und Nummer zwei 2001. Diese ganze Zeit muss so traumatisierend gewesen sein, dass ich wahrscheinlich Ereignisse aus beiden Schlachten vermische. Schlacht ist jedenfalls ein bewusst gewählter Ausdruck. Mir sind solche unwürdigen, beklemmenden und insgesamt in keiner Weise zu geniessenden Momente wie sie ein Staatsexamen nun einmal darstellt eher erträglich, wenn ich mir vorstelle, ich würde eigentlich gerade eine Heldentat epischen Ausmasses vollbringen und in die Schlacht ziehen, in einen Kampf Mann gegen Mann. Tatsächlich war der Gegner ein Blatt Papier und ich lediglich mit mehreren Kilo Kommentarliteratur bewaffnet (hier vermischen sich übrigens bereits die Examina zu einem dumpfen Erinnerungsblock, denn bei Nummer 1 gab es nur Gesetze, bei Nummmer 2 auch Kommentare). Alle anderen waren besser vorbereitet, strebhafter und es bringt einem in der U-Bahn zum Justizprüfungsamt einen feuchten Dreck, dass man vermutet lässiger und cooler war als die Fraktion Mazda MX5 und Hérmes-Tüchlein. Es hilft einem da auch nicht, dass man sich über mehrere Jahre in einer Band in Kreuzberger Kneipen selbstverwirklicht hatte.

Aber man hatte die Musik. Ich hatte Boltthrower.

…for Victory

Es sind mehrere Klausuren gewesen und ich schaue jetzt nicht nach, wie viele, ich habe es vergessen und so soll es bleiben. Auf der Fahrt zu jeder Klausur habe ich …for Victory von Boltthrower gehört. Jedenfalls im ersten Examen, beim zweiten war dann schon meine spätere Frau in mein Leben getreten und ich habe denke ich so getan, als ginge ich eben Erdbeeren pflücken und habe die Zeitung gegriffen für den Weg ins JPA und nur kurz gerufen “Bis später Schatz!” Ich wollte sie beeindrucken. Sie ist noch bei mir. Mir war auch das Zwote dann egal, sie war ja da.

Das JPA liegt in Berlin direkt am Rathaus Schöneberg. Das kennt ihr natürlich von der schönsten und berührendsten Darbietung unserer Hymne, vorgetragen von Walter “Supamolly” Momper, Willy Brandt und Helmut Kohl.

Deutschlandlied / Schöneberger Fassung

Irgendwann 2001 ging die Freiheitsglocke kaputt und musste repariert werden. Ein grosser Tag für die Hauptstadt. Irgendwann war sie wieder heile und musste zurück an ihren angestammten Platz gebracht und dort eingebimmelt werden. Auf dass sie wieder so bimmeln möge:

Freiheitsglocke, bimmelnd

Dieser Bimmeltag war ein Klausurtag. Und weil die Welt uns bereits unerträglich findet, wenn wir noch nicht einmal richtige Juristen sind, sondern nur stocksteife Angeber, hat man uns, als wir bereits alle brav saßen, mitgeteilt, wir könnten wieder nach Hause gehen, die Glocke würde zu laut bimmeln und das Schreiben einer Klausur sei unzumutbar.

Gekotzt habe ich dann mit Astrid im Auto nach der Examensfeier. Und wir haben Tocotronic gehört. Sie ist die tollste Frau der Welt, aber Boltthrower darf ich nicht im Auto hören. Sie sagt aber, und so toll ist sie, “Warte, ich fahr langsam und du kotzt halt raus. Landet was im Auto putzt du den Mist selbst weg!” Liebe.

Mehr ist nicht.

Dick: The first thing we do, let’s kill all the lawyers.
Cade: Nay, that I mean to do.
William Shakespeare, Henry the Sixth, Part II

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Auberginen sind für mich gestorben.

Ich fritiere, ich dünste, ich backe, ich grille, und neuerdings nutze ich sogar ADN (Advanced Dampf Nahrungsmittelerhitzer). ADN ist so etwas wie blanchieren, nur dass es 36mal so gesund ist. All diese Aktivitäten in der Küche betreibe ich, weil ich als Ehemann und Vater erreichbar sein will und meinen Beitrag leisten möchte. Insbesondere koche ich, weil es auch viele Journalisten und Kollegen tun. Der kleine Plausch beim Kochen und Grillen dürfte gerade bei fleischaffinen Journalisten und Politikern die SMS abgelöst haben.

Kochen ist ein Versprechen: dauerhafte Verfüg- und Erreichbarkeit sowie die Möglichkeit, potentiell unendlich groß Mengen Fleisch und Fritten zu essen. Mittlerweile habe ich 22.500 Gerichte zubereitet, was man beachtlich finden kann. Oder auch nicht. Der hauseigene Analysedienst Koch-Analytics brachte mich auf die Frage, ob Kochen überhaupt etwas bringt. Koch-Analytics zeigt mir an, wie oft ein Gericht, das ich zubereite, tatsächlich gegessen wird. Ernüchternde Erkenntnis: Mir mögen zwar 22.500 Gerichte gelungen sein, aber im besten Fall werden 2.000 von dern Gerichten gegessen, die ich anbiete. Im Durchschnitt irgendetwas um die 500. Große Imbisse haben eine Auflage von mehr als 350.000 Würstchen. Selbst bei der konservativsten Rechnung, dass nur ein Prozent der Kunden überhaupt bis zum Imbiss gekommen ist und ein Würstchen verzehrt, wären das noch immer mehr, als auf meine Gerichte abfahren. Wenn ich in einer Kochsendung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens sitze, erreichte ich sogar ein Millionenpublikum.

Wer profitiert von dieser permanenten Kochschau?

Dafür kostet mich Kochen Zeit. Jeden Tag geht, seit Mitte 2009 grob gerechnet, mindestens eine Stunde dafür drauf. Das sind 166 Acht-Stunden-Arbeitstage seit 2009, die ich nur mit Kochen verbracht habe. Wenn jedes meiner 60.000 Gerichte die Maximalkomplexität gehabt hätte, käme ich auf ungefähr 800 Menüs zu je rund 10.000 Bissen; das sind mehr als zwei Löwen!

Dafür kostet mich Kochen Nerven. Jeden Tag aufstehen und mindestens einen doofen Kommentar, eine Beleidigung durch die Familie ertragen. Seit ich Hobbykoch bin, habe ich mehr als 500 Essen weggeschmissen, das heißt, diese können mir nicht mehr folgen, und wenn sie einmal weggeworfen sind, sehe ich sie nicht mehr. Man stelle sich vor, ich hätte in einem Jahr 500 freiwiligge Esser finden müssen, Menschen, die sich mir nähern oder mit mir kommunizieren. Dadurch entsteht sozialer Stress. Menschen kochen wähend ihrer Depressionen, sie Kochen im Affekt Ungeniessbares, Dinge, die ich nicht essen möchte. Wenn ich diese Menschen abkoppele, muss ich mich dafür ihnen gegenüber rechtfertigen. Jetzt wird ein Koch-Experte dazwischenrufen: „Aber du kannst sie doch für einen Zeitraum X einfach nicht mehr einladen!“ Ja, sage ich, aber will ich das? Warum soll ich als Koch auf einmal eine Filterleistung vollbringen, die ich mir eigentlich vom Gast wünsche? Ist es zu viel verlangt, dass sich alle, egal, in welcher Kommunikationsform, vorm Essen folgende drei Fragen stellen: Muss es gesagt werden? Muss es jetzt gesagt werden? Muss es jetzt von mir gesagt werden? Und: Welcher Mehrwert entsteht denn durch diese permanente Nabelschau beim Kochen konkret und für wen?

Diese Frage treibt mich um, ich habe aber keine Lust, sie hier zu vertiefen. Wenn eine seriöse Tageszeitung kommt, überlege ich es mir noch einmal. Jetzt gilt es noch zu liefern, an die Ina Steinbach. Warum verachte ich Auberginen? Es ist einfach schleimiges Gelumpe, das in keiner Zubereitungsform Geschmack annimmt. Aussen zähe Lederpelle, innen Pampe. Ich habe versucht, sie hauchdünn zu schneiden und mit Fleur de Sel und Zitrone zu grillen. Mit dem Ergebnis, dass ich mich gefragt habe, warum nehme ich nicht gleich eine Paprika? Ich habe versucht, sie in einem Ratatouille so geschickt unterzumischen, dass man sie nicht bemerkt mit der Folge, dass sich beeindruckende Restepyramiden auf den Tellern von Kind 1, Kind 2 und mir gebildet haben. Ich möchte das nicht.

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Keine Lieder über Kinder

Im Angesicht dieses Schmalzgebackenen, das mir gestern in die Timeline gespült wurde, in aller Deutlichkeit:

Man singt nicht über seine Kinder. Niemals. Es wird ausnahmslos furchtbar und ist für keinen relevant ausser einen selbst.

Also jetzt hier zur Einstimmung Hartmut Engler heisst er glaube ich mit einem Lied für seine Tochter (der Klumpatsch ist natürlich nicht mal embeddbar)

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Ich wiederhole mich, aber: furchtbar. Man kann über Kinder noch nicht einmal auf Englisch singen. Man kann mit seinen Kindern singen, im Auto, zu Hause, im Park. Das ist grossartig. Man kann ihnen Gutenachtlieder singen, das berührt. Aber man kann nicht die Menschheit damit beglücken wollen, zu erzählen, wieviel einem Mandy, Cindy, Vida oder Walpurga bedeuten. Kinder sind niedlich? Geschenkt, ist so. Kinder können einen berühren? Geschenkt, ist so. Kinder will man beschützen? Ja, natürlich. Habe zwei davon und sie sind alles für mich, sie reiten auf meinen Schultern und ich bewache alle ihre Träume mit einer Waffe neben ihrem Bett. Aber ich bemühe mich, nicht ständig die Gottgleichheit meiner Kinder in die Welt zu brüllen und irritiert zu gucken, wenn der Addressat sich nicht gleich vor Begeisterung im Staub wälzt.

Behaltet eure Kinder für euch. Wenn ich euch mit ihnen treffe, spiele ich gerne Fussball mit ihnen oder Luftgitarre, schnitze mit höllisch scharfen Messern Speere oder zocke ohne dass ihr es wisst 5 Stunden Call of Duty Black Ops mit ihnen. Aber bitte, bitte singt mir nicht mit beglücktem Gesichtsausdruck vor, wie toll sie sind, was sie euch bedeuten und dass ihr so, so glücklich seid. Gerne auch noch mit einem gehauchten Dank an Gott. Hallo? Gehts noch? Unerträglich. Zudem bewahrheitet sich das, was Frau Potz sagt: Jeder, der ne Tele spielt, hält sich für nen Poeten. Und der Herre tut nicht mal das. Also Telecastern.

Wenn Kinder, dann so:

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Das ist kein M16, das ist ein M4A1.

Ich habe Zivildienst gemacht. Als wahrscheinlich ältester Zivi Berlins mit 25 nach dem ersten Staatsexamen. Dabei war ich schon einberufen zu den Panzergrenadieren nach Hamburg. Ich sollte mich dort einfinden am Tag meiner 3. Klausur. Konnte ich also nicht und liess mich mit dem zuständigen Uffze verbinden. “Guten Tag Herr General, hier Vogel, ich komme nicht, Schönen Tag noch!” Aufgelegt.

Dabei hatte mir die Bundeswehr sogar angeboten, mir den Grundwehrdienst vollständig zu erlassen, wenn ich mich als Jurist irgendwo im Filbinger-Korps einfinde und als Beisitzer besoffene 18jährige verurteile, die lieber saufen und fummeln, als Kasernen zu schrubben. Hat mich nicht überzeugt.

Musste ich also verweigern und tat dies schriftlich unter emotionaler Schilderung all der gruseligen Geschichten meines Grossvaters aus den Bombennächten im Bochum. Das ganze Programm. Und dann doch vor die Kommission geholt, weil ich eben schon einberufen war. Ging dann glatt, sie waren nur erstaunt, warum ich mich nie zur Musterung eingefunden hätte. “Bei euch in diesem Scheissladen?” “Habe ich vergessen, tut mir ehrlich leid, musste ja fürs Studium lernen”. Habe dann eine wunderbare Zivi-Stelle in Berlin gefunden und konnte mit körperlich und geistig behinderten Kindern arbeiten. Nicht ohne vorher noch grosskotzig als frisch Examinierter auf dem Zivi-Lehrgang in Braunschweig den engagierten Dozenten zurechtzuweisen, als er uns über unsere Grundrechte als Zivi aufklärte.

Insgesamt eine wunderbare und teilweise sehr emotionale Zeit als Zivi in einem Schullandheim in Berlin-Kladow, noch heute kann ich alles handwerliche (wenig genug) nur, weil der polnische Hausmeister den unfähigen Studenten anlernte. “Sie haben studiert? So so.”

Warum diese Ausführungen? Weil ich mich heute in stillen Momenten immer noch frage, wie es eigentlich sein kann, dass ich als Kriegsdienst-Verweigerer mühelos eine AK74 von einem Typ 56 unterscheiden kann und natürlich weiss, dass ein M4A1 kein M16 ist. Mir ist auch klar, das die 82. Luftlandedivision airborne ist, während die 101. Luftlandedivision für den air assault vorgesehen ist. War, war never changes.

 

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