The Patagonian Run

Tag 1

Freitagabend, Flughafen M├╝nchen und ich freue mich einfach so unglaublich. Am 22. Dezember hatte ich meinen letzten Arbeitstag und noch in meiner letzten Arbeitswoche war mir klar, was und wohin ich wollte. Nach Patagonien, alleine. Ich will laufen, sehen, kochen, allein sein und Weite genie├čen.

Ich habe 15 Jahre durchgearbeitet bis auf die ├╝blichen Sommerurlaube und als sich die M├Âglichkeit ergab, einfach aufzuh├Âren und mindestens sechs Monate Pause zu machen, musste ich nachdenken. Die drei Schritte aus dem B├╝ro meines Chefs, der mir ein Angebot gemacht hat, das schlicht gut ist (Danke, Holger), dachte ich nach. Beim Schlie├čen der T├╝r war ich schon geneigt, nach einem Stift f├╝r die Unterschrift zu fragen.

Dass ich aber tats├Ąchlich hier sitze, hat wesentlich auch mit Frau Bird zu tun, die nicht einmal zuckte, als ich ihr sagte, dass ich vier Wochen ans Ende der Welt m├Âchte. Sie hat dann halt die T├Âchter. Kein Ding. Es ist mir wichtig und dass sie dies wei├č, dass ist mir wichtig.

Und bei den T├Âchtern sind wir beim Bild. Sie haben gebastelt. Ein Kissen und ein T├Ąschchen f├╝r die Fr├╝hst├╝ckseier. Mehr braucht man eigentlich nicht. Bis in vier Wochen, M├Ądchen.

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BVB, Fussball

Spieler

Ich musste noch nie eine Bombe explodieren sehen und ich kenne nur einen Menschen, der das musste. Und dessen Eindr├╝cke, Traumata und Schmerz reichen mir eigentlich f├╝rs Leben. Ich mag daher kein Urteil dar├╝ber abgeben, wie man sich richtig verh├Ąlt oder angemessen oder wie man den Prozess der Verarbeitung optimal umsetzt. Es kann daher auch durchaus sein, dass es den Betroffenen hilft, ein Fu├čballspiel zu spielen keine 24h nachdem mit Metallstiften gef├╝llte Bomben neben einem explodiert sind und man vielleicht nicht in der Nacht, so doch aber sicher im Laufe des Tages realisiert hat, dass die Bomben ein direkter Angriff auf das eigene Leben waren. Es kann sein, dass die Beklemmung erst langsam in einen hineinkriecht und die Angst kommt und man die Angst der Liebsten erst dann realisiert.

Ich wei├č daher wirklich nicht, ob man gestern h├Ątte spielen sollen. Die Spieler – und nur diese als direkte Opfer interessieren mich hier – gaben durchweg zu erkennen, sie h├Ątten gerne noch ein wenig mehr Zeit gehabt. War es unm├Âglich, ihnen diese einzur├Ąumen? Man stelle sich die schlimmste berufliche Drucksituation vor, in der man jemals gewesen ist, denke sich zeitlichen Druck hinzu und reichlich andere Parteien, die mitreden, mitbestimmen wollen, Ratschl├Ąge erteilen und man ist wohl noch nicht einmal ansatzweise in der N├Ąhe der Krisen- und Drucksituation in der sich die Vereinsverantwortlichen befanden. Eine Absage am 11.04. war klar und unumstritten, aber wie reagiere ich auf die Anfrage der UEFA, ob man morgen spielen k├Ânne? Man kann es herunterbrechen auf die eine einzige Frage “Was ist richtig f├╝r meine Spieler?”, aber weder Watzke noch Rauball k├Ânnen ausschlie├člich in diesen Kategorien denken. Es gilt finanzielle Zw├Ąnge, Sicherheitsbedenken, Verh├Ąltnis zur UEFA etc in die Abw├Ągung einflie├čen zu lassen. Und die Entscheidung nimmt ihnen auch keiner ab. Sie sind die Vereinsf├╝hrung und sie haben zu entscheiden.

Gleichwohl irritiert nachhaltig, dass jedenfalls nach der Aussage Tuchels, Trainer und Spieler zu keinem Zeitpunkt gefragt wurden. Die empathischere Vorgehensweise w├Ąre sicherlich gewesen, pers├Ânlich die Mannschaft aufzusuchen und ein Meinungsbild einzuholen. Aber wenn ich mich nicht komplett t├Ąusche, ist Watzke eine solche N├Ąhe eher fremd.

Ich kann mir auch schlechterdings nicht vorstellen, dass auch nur ein Verein f├╝r ein solches Szenario ein Proze├čhandbuch ausgearbeitet hat, das man dann Punkt f├╝r Punkt abarbeitet. Insgesamt musste hier auf fragiler Tatsachenbasis innerhalb k├╝rzester Zeit eine Entscheidung getroffen werden und die Vereinsf├╝hrung kam zu dem Ergebnis, es sei richtig, Mittwoch zu spielen. H├Ątte es ├╝berhaupt ohne Auswirkung auf den Spielplan nationaler Verb├Ąnde einen Ausweichtermin gegeben? Wie h├Ątte man etwa etwa innerhalb eines Tages die deutschen Pokalhalbfinalisten bewegen sollen, einer Verschiebung zuzustimmen? Und ein Eingriff in den Buli-Spielplan ist ebenso diffizil. Ich mag daher zwar mein deutliches Unbehagen ausdr├╝cken, kann aber nicht mit der notwendigen Klarheit sagen, der Verein und die UEFA h├Ątten falsch gehandelt.

Was ich aber sagen kann ist, dass mich die ├ťberfrachtung und ├ťberforderung unserer Spieler zutiefst verst├Ârt. Wie kann man den Opfern des Anschlags (und: jedes Anschlags) auferlegen, sie m├╝ssten mit allen anderen zusammenstehen, sonst h├Ątten die Terroristen gewonnen? Wie kann man es ernsthaft f├╝r eine gute Idee halten, direkt nach einem Fu├čballspiel mit beinahe pornographischem Interesse junge M├Ąnner Anfang 20 nach ihrer Meinung zum Terror und ihren Erlebnissen zu befragen? Eine solche politische ├ťberfrachtung wird dem Spiel nicht gerecht. Ich habe als Zuschauer und Fan eine politische Verantwortung, jedenfalls kann ich frei w├Ąhlen, ob ich eine solche in den Sport einbringen will, die 11 aufm Platz haben die Wahl nicht.

Mindestens schmierig auch das anbiedernde “Wir sind alle Borussen”. Nee, seid ihr nicht. Ich will auch gar nicht, dass ihr Borussen seid. Ihr d├╝rft gerne Freiburger, Gladbacher oder Schalker bleiben. Bitte h├Ąngt euch nicht unseren Schal um und n├Âtigt unsere Mannschaft, ein Signal zu setzen. Seid solidarisch, aber seid keine Borussen.

Abschlie├čend: Was Scherben heute morgen auf Twitter schrieb ist vollkommen richtig: Wann bekommen denn unsere Spieler die Pause und den Abstand, den sie ben├Âtigen? Der Spielplan ist voll. Was macht man denn da? Ruft man bei der Eintracht an und fragt, ob man nicht die U19 gegeneinander spielen lassen k├Ânne? Schei├čt man auf die Liga? Meinen Segen h├Ąttet ihr.

UPDATE:

Die Story nach der Story scheint zu werden, dass man einen Konfikt be- oder sogar herbeischreibt zwischen Tuchel und Vereinsf├╝hrung. Nach den Uefa-Regularien gibt es ein vorgeschriebenes Zeitfenster von zwei Stunden nach der Absage, in dem das Spiel neu terminiert werden muss. Davon werden regelm├Ą├čig in Krisensituation gro├če Teile mit Irritation aufgebraucht und nur wenig steht effektiv zur Verf├╝gung. Dann trifft man eine Entscheidung. Eine, die man nicht delegieren kann. Das nennt sich F├╝hrung. Es geht mir insoweit nicht prim├Ąr um die Frage, ob man die Mannschaft h├Ątte einbeziehen sollen (man h├Ątte), sondern darum, dass hindsight eine bitch ist und immer 20/20.

V├Âllig normal empfinde ich auch die Tatsache, dass unterschiedliche F├╝hrungskr├Ąfte unterschiedliche Auffassungen haben. Und es ist Ausdruck zeitgem├Ą├čer Unternehmenskultur und F├╝hrungskultur, dass diese Meinungsunterschiede auch ge├Ąu├čert werden. Dies gilt umso mehr in einer Branche wie dem Profifu├čball, die dermassen transparent und ├Âffentlich ausgeleuchtet wird, hier noch einmal potenziert durch den unglaublichen Moment der Bomben. Wenn also Tuchel eine andere Auffassung hat als die Vereinsf├╝hrung – so fucking what? Was ist eigentlich mit Konfliktf├Ąhigkeit und Ambiguit├Ątstoleranz? Nicht jede Auseinandersetzung ist ein Bruch, eine Krise und das Ende der Zusammenarbeit. Wer sich berufliche Zusammenarbeit so vorstellt, h├Ąngt an einer Idealvorstellung von Harmonie, die ich nicht teilen kann.

Und ich h├Ątte mir gew├╝nscht, einer der Spieler oder mehrere h├Ątten gesagt ich kann und will nicht funktionieren. Das w├Ąre das Signal der Menschlichkeit gewesen.

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An die Grenze: Die Stille vor dem Schu├č

In den letzten Wochen hatte ich mehrfach den kurzen aber intensiven Drang, etwas zu den rechtspopulistischen Positionen in der Fl├╝chtlingsfrage im Allgemeinen und zur AfD im Besonderen zu schreiben. Ich lie├č es sein, denn ich hatte mir auferlegt, ├╝ber den Ekel nie mehr zu schreiben. Aber wie bei Pascow die zweieinhalb Minuten sein mussten, kurz einige Gedanken.

Zuerst ├Ąu├čerte sich Frauke Petry, sp├Ąter dann Beatrix von Storch. Es sei noch einmal zitiert.

Petry:

ÔÇ×Noch mal: Wie soll ein Grenzpolizist in diesem Fall reagieren?

Petry: Er muss den illegalen Grenz├╝bertritt verhindern, notfalls auch von der Schusswaffe Gebrauch machen. So steht es im Gesetz.

Es gibt in Deutschland ein Gesetz, das einen Schie├čbefehl an den Grenzen enth├Ąlt?

Petry: Ich habe das Wort Schie├čbefehl nicht benutzt. Kein Polizist will auf einen Fl├╝chtling schie├čen. Ich will das auch nicht. Aber zur Ultima Ratio geh├Ârt der Einsatz von Waffengewalt. (ÔÇŽ)ÔÇť

Storch:

“Wollt ihr etwa Frauen mit Kindern an der gr├╝nen Wiese den Zutritt mit Waffengewalt verhindern?”

“Ja”

Bereits vor diesen Debatten passte mir die gesamte Form der Debatte nicht, ich empfand sie als unsachlich, populistisch, intellektuell unehrlich. Und dies von beiden Seiten. Was mich dabei weitaus mehr schmerzte, waren die Anw├╝rfe von rechts au├čen, auch wenn ich sie in ihrer Einfachheit und Menschenfeindlichkeit erwartete. Zur gleichen Zeit aber nervte mich zutiefst, mit welcher Holzschnittartigkeit die Reaktion stattfand. Ich muss nicht auf einen Nazi Gro├čvater verweisen, um die Positionen von Storch blo├čzulegen. Ich darf es auch nicht. Was steckt denn dahinter? Soll sie in Sippenhaftung genommen werden f├╝r seine Verbrechen? Vererbt sich faschistisches Gedankengut? Really?

Ich kann und mu├č in einer politischen Debatte komplexeste Sachverhalte politisch diskutieren. Es ist aus meiner Sicht die hohe Kunst, Sachverhalte, die eigentlich Spezialwissen voraussetzen (rechtliches, ├Âkonomisches, technisches), so zu pr├Ąsentieren, dass eine Meinungsbildung m├Âglich ist. Was nicht das Ziel sein kann, ist die Entscheidungsfindung durch Experten, eine solche verschlie├čt sich einem politischen Meinungsbildungsproze├č und ist Gift f├╝r einen freien Diskurs.

Diese Aufgabe kann monumental sein je komplexer die Sachverhalte sind. Um so mehr verst├Ârt es mich, wenn bei eigentlich recht simpel gelagerten Fragen diese Sorgfalt mit F├╝├čen getreten wird. Worum geht es? Um das UZwG und die Frage, ob an der Grenze geschossen werden darf. Wie sind aus meiner Sicht die Aussagen der AfD Funktion├Ąrinnen zu verstehen? Eindeutig. Beide Fragesteller fragen explizit, wie ein Grenzer reagieren soll und gerade nicht, wie er reagieren darf. Das UZwG ist ein klassisches Gesetzt zur Legitimation staatlichen Handelns. Es stellt die Erm├Ąchtigungsgrundlage dar f├╝r die Frage, wann unmittelbarer Zwang (zu dem in einem abgestuften System als Ultima Ratio auch Schu├čwaffengebrauch geh├Ârt) gegen Menschen angewandt werden darf. Was es nicht sagt: Du, Grenzer, musst (oder auch nur: sollst) von der Schu├čwaffe Gebrauch machen. Es geht mir dabei nicht um eine regelrechte Subsumtion und Auslegung. Das hat Halina Wawzyniak hier schon besser gemacht: Das steht nicht im Gesetz. Das Ergebnis ist auch eindeutig: In den allerseltensten F├Ąllen wird der Schu├čwaffengebrauch an der Grenze ├╝berhaupt rechtm├Ą├čig sein.

Selbstverst├Ąndlich d├╝rfen und m├╝ssen Rechtsg├╝ter gesch├╝tzt werden. Dies ist eine der Kernaufgaben des Rechtsstaates. Es l├Ąsst sich daher niemals per se ausschlie├čen, dass staatliche Gewalt auch gegen Frauen und Kinder ausge├╝bt werden darf und sollte. Selbstverst├Ąndlich darf etwa, wenn Frauen und Kinder eine Synagoge angreifen, eine Kirche, eine Versammlung und Gefahr f├╝r Leib und Leben besteht, Gewalt eingesetzt werden und sollte es auch. Die gew├Ąhlten Beispiele allerdings unterscheiden sich in einem zentralen Punkt von der Grenzfrage, wie sie Storch und Petry verstehen: Es wird ein hohes Rechtsgut angegriffen. Auch dann muss ich unter Anwendung des Verh├Ąltnism├Ą├čigkeitsprinzips abw├Ągen, ob ich dieses Angriff durch Verletzung eines ebenfalls hohen Rechtsgutes abwenden darf.

Der AfD geht es darum gerade nicht. Die Forderung heisst: Die territoriale Integrit├Ąt des Landes soll durch Waffengewalt verteidigt werden. Ich will keine Fl├╝chtlinge, die einfach so ins Land kommen. Um diesen Zustand zu beenden “mu├č” der Grenzpolizist notfalls von der Waffe Gebrauch machen (so Petry) und es es ist der Wille von Storch, den Zutritt mit Waffengewalt zu verhindern. Und zwar diesen f├╝r sich genommen, allein den Grenz├╝bertritt. Das ist eiskalt und empathiebefreit. Man kann und sollte ├╝ber die Frage von Flucht und Zuwanderung diskutieren, wenn aber in dieser Diskussion davon ausgegangen wird, dass auf Fl├╝chtlinge geschossen werden soll, ist eine Grenze ├╝berschritten.

Kann man die ├äu├čerungen der AfD anders verstehen? Ich habe es versucht. Fangen wir bei Storch an: Sie ist Volljuristin. Und selbst wenn sie in ihrem beruflichen Leben noch keinen einzigen Blick in das UZwG geworfen hat, erwarte ich von ihr (und kann es auch, die juristische Ausbildung in diesem Land ist so schlecht nicht), da├č sie die Grundprinzipien der Rechtsg├╝terabw├Ągung und Verh├Ąltnism├Ą├čigkeit beherrscht und ber├╝cksichtigt. Und Frau Petry? Sie behauptet apodiktisch “es stehe im Gesetz”. Nein, das steht da nicht. Und das muss sie wissen. Beide Frauen sind definitiv schlau genug und kalkuliert genug, um zu wissen, was ihre Aussagen ausl├Âsen. Sie gaukeln damit eine einfache L├Âsung vor, die es nicht gibt, H├Ąrte und Konsequenz. Sie zeigen aber nur eine Verlotterung der Auseinandersetzung und ich f├╝rchte sie zeigen auch, was sie von humanistischen Idealen halten.

Schlie├člich liegt ihren Ausf├╝hrungen auch ein fundamentaler weiterer Irrglaube zugrunde: Ich bin der festen ├ťberzeugung, dass Grenzpolizisten in diesem Land weitaus ├╝berwiegend nicht einmal ansatzweise auf die Idee k├Ąmen, von der Schu├čwaffe Gebrauch zu machen gegen Fl├╝chtlinge. Ich bin dar├╝ber sehr froh. Und glauben die beiden wirklich, sie k├Ânnten die Grenzpolizisten dazu veranlassen? Sie irren.

Edit:
Die GdP stellt klar: Kein deutscher Polizist wird auf Fl├╝chtlinge schie├čen

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Paris und was es mit mir macht

Es hat gedauert, bis ich gestern meine Eltern erreichte, die gerade in Paris sind. Es geht ihnen gut. Es hat bis heute morgen gedauert, bis ich meinen engsten Mitarbeiter erreichte, Halbfranzose, der in Paris ist. Es geht ihm gut. Eben erst habe ich Nachricht von einem alten Freund erhalten, der in Paris lebt, auch ihm geht es gut.

Das ist alles, was ich an Gutem sagen kann. Ansonsten bin ich schockiert und hochgradig verwirrt. Denn dieser Angriff stellt mich und meine Werte und Ansichten in Frage. Sie br├Âckelten vorher und jetzt gerade bin ich konsterniert.

Ich m├Âchte eine Gesellschaft, die queer ist, divers, mit Widerspr├╝chen, Chancen bietet, die Freiheit garantiert und Recht, die Gleichberechtigung postuliert und Schutz der Schwachen. Diese Gesellschaft wird angegriffen von Menschen, die all diese Werte ablehnen. Die etwas radikal Anderes wollen, etwas so dogmatisch D├╝steres, dass es mich schaudern l├Ąsst.

Wie geht eine Gesellschaft mit Menschen um, die diese Freiheiten radikal ablehnen, wie positioniere ich mich pers├Ânlich dazu? Jahrzehnte habe ich mit Vehemenz vorgetragen, dass wir zuh├Âren m├╝ssen, Ungleichheiten beseitigen m├╝ssen und aufkl├Ąren. Gel├Ąnge uns dies, so war ich ├╝berzeugt, entziehen wir Terror die Grundlage. Ich bin mir dessen nicht mehr sicher.

Ich habe milit├Ąrische L├Âsungen immer abgelehnt, mich aktiv gegen einseitige Verurteilungen von Religionen gestellt, letzteres obwohl ich organisierte Religion (nicht: Glaube) f├╝r eine aberwitzige Fehlentwicklung halte. Und jetzt bin ich unglaublich w├╝tend. Auf Menschen, die auf die Errungenschaften der freiesten Gesellschaft, in der Menschen je lebten, scheissen. Ich habe l├Ąngst akzeptiert, dass unsere Gesellschaft immer angegriffen werden wird von Menschen, die sie ablehnen. Das ist f├╝r mich gerade Teil des Grundger├╝stes der Gesellschaft, denn ich will den Wettstreit von Ideen, Weltanschauungen und ├ťberzeugungen.

Aber ich erschrecke, wenn ich inzwischen ├╝berlege, ob wir nicht deutlicher gegen diejenigen vorgehen m├╝ssen, die eine Demokratie abschaffen m├Âchten und Blut auf den Strassen sehen wollen. Und ich warte sehns├╝chtig auf die muslimische Bewegung, die nicht nur Tausende auf die Strasse bekommt, wenn es um Hassreden gegen Israel und Juden geht, sondern die Tausende auf die Strasse bekommt um zu zeigen “not in our name”. Damit ist kein Kollektivschuldgedanke verbunden, vielmehr sei meine eigene Hilflosigkeit ausgedr├╝ckt angesichts von in Frankreich, England oder hier sozialisierter M├Ąnner (die unmittelbaren T├Ąter sind fast ausschlie├člich M├Ąnner), deren Beweggr├╝nde und Ziele ich nicht ansatzweise nachvollziehen kann. Darin unterscheiden sie sich etwa vom rechtsextremistischen Terror. Dessen Motive kann ich intellektuell nachvollziehen, so ekelig sie sein m├Âgen, aber diese Menschen und ihre Handlungen kann ich jedenfalls teilweise begreifen. Islamisten aus Paris, London und Berlin begreife ich nicht ansatzweise.

Ich emp├Âre mich genauso wie die meisten meiner Freunde ├╝ber Rechtspopulisten, die die Anschl├Ąge instrumentalisieren, aber mein erster Gedanke geht eher dahin, dass ich mich frage, ob wir uns nicht erst um die Terroristen und deren Netzwerk und dann um Rezeption und Instrumentalisierung k├╝mmern sollten. Mit den Rechtspopulisten bei uns werden wir fertig, denn wir k├Ąmpfen auf Augenh├Âhe – parlamentarisch, argumentativ. Mit radikalislamischen Terroristen k├Ânnen wir nicht reden. Ich kann es nicht. Und will es auch nicht.

Ich bin es auch fast leid, das Mantra von der Mehrheitsgesellschaft zu h├Âren, die sich um die Benachteiligten besser k├╝mmern muss. Sollte nicht der erste Gedanke sein, vom T├Ąter zu verlangen, dass er eben nicht den Abzug an der AK zieht? Alles, was er tun muss, ist nicht zu schiessen. Dagegen wirken die Aufrufe an die Mehrheitsgesellschaft hilflos, pauschal und gleichzeitig so gewaltig gross. Wenn es heisst, der IS rekrutiere die Gedem├╝tigten und unter Rassismus leidenden jungen M├Ąnner in unseren St├Ądten, dann mag das sogar so sein, aber Mensch, es ist doch kein Automatismus, dass ich dann losgehe und mich in einem Club in die Luft sprenge. Das ist meine individuelle Schuld. Meine Verantwortung und meine Entscheidung. Die nimmt mir keiner ab und ich bin nicht fremdgesteuert durch die Gesellschaft.

Ich suche den Weg wie man ohne ein rassistisches, islamophobes Arschloch zu sein (oder im zweiten Satz so genannt zu werden) sich gegen diese Bedrohung stellen kann. Ich suche den Weg angesichts des unermesslichen Leids der Fl├╝chtlinge aus Kriegsregionen gleichwohl berechtigte Sicherheitsinteressen in die Betrachtung der Gesamtsituation einbeziehen zu k├Ânnen.

Ich suche den Weg, diese freie, vielf├Ąltige Gesellschaft zu erhalten. Und weiss gerade nicht, wie es gehen soll.

[Update]: Habe versucht, zu konkretisieren.

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Dr├╝ben auf Twitter hatte der Marco die Idee, wir sollten doch ein Tape zusammenstellen, 2×45 Minuten mit der Musik, die wir h├Ârten als wir 16 waren. Das ist nat├╝rlich hemmungslos sentimental und ich f├╝rchte ein Ding von alten M├Ąnnern, um sich f├╝r 2×45 Minuten einen Hauch Jugend zur├╝ckzuholen. Also genau mein Ding.

Sechzehn war ich 1989. Und diese Musik habe ich damals geh├Ârt und ich war unglaublich privilegiert, hatte ich doch durch gl├╝ckliche F├╝gung Zugang zur Tape-Trading Szene gefunden und damit zu Musik, die nicht im Radio lief.

Ich habe hier Seite A f├╝r euch. Chromdioxid Band, Typ II von Maxell.

1. Depeche Mode – Little 15 04:18

Zwar von 1987, ich kam dazu aber erst ein Jahr sp├Ąter, als ich 15 war. Und die M├Ądchen in meiner Klasse auch.

2. Madonna – Like a Prayer 05:39

Lasst mich komplett. Madonna.

3. Megadeth – In My Darkest Hour 06:16

The Dave. Es gab Megadeth, Metallica, Slayer und Anthrax. Und Megadeth hatte mit “So Far, So Good… So What!” ein Hammeralbum ver├Âffentlicht. Meine Eltern haben es gehasst. Meine Schwester hat es gehasst. Alle M├Ądchen haben es gehasst. Ich liebte es.

4. Social Distortion – It’s the Law 02:38

Danke, Gunnar. Ohne dich h├Ątte ich von dieser Band nichts geh├Ârt.

5. Bros – When will I be famous 05:02

….I CAN’T ANSWER, I CAN’T ANSWER THAT!

6. Iron Maiden – Only the good die young 04:40

Gaaaaanz schwierig, weil Keyboard. Das war nicht mehr der wahre Metal!

7. Manowar – Kings of Metal 03:45

DAS war der wahre Metal.

8. Dire Straits – Brothers in Arms 07:00

Ohgottohgottohgott

9. Bangles – Eternal Flame 04:03

Kuscheln.

10. Rund DMC – Mary, Mary 03:12

Zugang zu Run DMC und US-HipHop kriegte man als Berliner eigentlich nur ├╝ber amerikanische Soldaten. Den hatte ich nur sehr eingeschr├Ąnkt. Aber Run DMC blieb haften.

Macht 45:13 und nat├╝rlich kriegte man die 13 Sekunden noch hintendran.

Und Seite B:

1. Soundgarden – All your lies 03:51

Das ist f├╝r mich der Inbegriff reinen, musikalischen Gl├╝cks. Niemals w├Ąre ich mit 16 in Berlin alleine auf diese Band gekommen. Als mir das Tape in die Hand gedr├╝ckt wurde, war ich fassungslos. Bis heute f├╝r Seattle unerreicht.

2. A-HA – Touchy! 04:34

Morten Harket. Heike W. Ihr Zimmmer im 8. Stock im M├Ąrkischen Viertel.

3. Nuclear Assault – Great Depression 03:30

Das Cover! Hatte ich immer extra h├╝bsch platziert um dieses Augenrollen hervorzurufen.

4. Milli Vanilli – Girl You Know It’s True 04:13

Wat willse machen, haben alle geh├Ârt.

5. Cure – Lullaby 04:10

Fensterladen runter und schlurfen. Und: Linientreu.

6. Neneh Cherry – Buffalo Stance 05:42

N├Ąher bin ich an so echte Tanzmusik nicht rangekommen.

7. Simple Minds – Belfast Child 06:42

Puuuuuuh.

8. Faith No More – Falling to Pieces 05:15

The Real Thing schlug ein wie eine Bombe. War mir wochenlang zu frickelig und zu anstrengend. Dann hatte es mich.

9. Westernhagen – Freiheit 02:38

Kam glaube ich erst ein Jahr sp├Ąter, aber es w├Ąre geschummelt, es nicht auf ein Mixtape zu nehmen. Es war 1989 und eine Zeitenwende kam. Aber musste die echt mit Westernhagen kommen? Und den Scorpions?

10. Cro-Mags – Crush The Demoniac 03:56

Fuckyeah. Harley Flanagan ist nat├╝rlich ein asozialer Vollhonk. Das wusste ich damals aber nicht.

11. Bad Religion – Suffer 01:47

Gro├če, gro├če Liebe f├╝r diese Band. Sie sahen damals aus, wie wir gerne ausgesehen h├Ątten und heute sehen sie aus wie wir. Akademiker mit Geheimratsecken und einigen Kilo zuviel.

Macht 43:78

Dieses Tape gab es so nie. Es ist das Tape, das ich zusammenstellte, w├Ąre ich jetzt 16. Oder das ich zusammenstellte f├╝r mein 16j├Ąhriges Ich. Ich habe viele Hobbies und Leidenschaften ausprobiert, eine Zeit lang begleiteten sie mich, dann legte ich sie wieder ab und wandte mich Neuem zu. Nur zwei Dinge begleiten mich seit ich 14 bin: Fu├čball und Musik. Nicht das Schlechteste.

Wer hat beim #mixtapemit16 schon mitgemacht? Der Spielbeobachter hier: Spielbeobachters Kassette und der nurdertim hier: Dem Nurdertim seine Kassette

Musik, Zeug

Mischkassette

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All good things come to an end

Ich bin mir sogar schon bei der Ansprache unsicher. Ich kenne ihn nicht, habe kein Wort mit ihm gewechselt, noch nicht mal die Hand gesch├╝ttelt. J├╝rgen ist mir zu kumpelhaft, Herr Klopp klingt als sei er mein Erdkunde-Lehrer. Ich probiere es (anma├čend?) mit der Spieler-Ansprache.

Hey, Trainer!

Danke f├╝r diese sieben Jahre. Danke daf├╝r, da├č ich meinem Verein emotional so nah war wie nie in 30 Jahren Fansein. Das bedeutet mir mehr als die Titel. Die Titel sind der Becher selbstgemachter Cr├Ęme Br├╗l├ęe. W├Ąre nicht n├Âtig gewesen, aber Schei├če, war 2011 geil. Davor habe ich nur 1997 eine solche Eruption erlebt in mir, im Club, bei den Fans. Das 1:0 im Pokal gegen F├╝rth gefolgt von der Demonstration in Berlin? Danke. Ich war in den fr├╝hen 2000ern weit weg von meinem Verein, nicht nur r├Ąumlich, denn das bin ich jetzt auch, sondern emotional. Ich war bereits an der Grenze, da├č mich Themen nicht mehr ge├Ąrgert haben, sie wurden mir fast egal. Diese Entwicklung kippte ins Gegenteil, als Klopp ├╝bernahm. Mir ist bewu├čt, da├č sich der Klub um ihn herum professionalisierte, eine Marke aufgebaut wurde. Ich bin Businesskasper und glaube, ├Âkonomische Prinzipen und Maximen und die Kommunikationsspolitik der Borussia Dortmund GmbH & Co. Kommanditgesellschaft auf Aktien verstanden zu haben. Ein solches kalkuliertes Schaffen von Projektionsfl├Ąchen ist weit vom Schotterplatz und selbstgewaschenen Stutzen entfernt und wie ernst es die Beteiligten mit ihrem Claim von Echter Liebe meinten, verst├Ârte mich dann doch manchmal.

Und inmitten dieser b├Ârsennotierten KGaA dann J├╝rgen Klopp (Hey, Trainer!) der bei mir ein seltsames positives St├Ârgef├╝hl ausl├Âste. Denn ihn empfand und empfinde ich als echt und authentisch – jedenfalls soweit meine Wahrnehmung reicht. Sein Verhalten wirkt nicht antrainiert und in offsite meetings im Sauerlandstern einstudiert, das ist der Trainer.

Was ich aber eben auch mag war seine Arroganz, es schlicht besser zu wissen als die meisten Anderen da drau├čen, Journalisten eingeschlossen. Man mag das unprofessionell nennen oder auch unsympathisch. Ich finde es cool, wenn jemand von sich ├╝berzeugt ist und eine Mission hat, von der er glaubt, er alleine sei der Richtige daf├╝r. Und er war der Richtige.

Und in dem Moment wo der Verein und wohl auch er erkennt, da├č Klopp in einem sch├Ądlichen Ausma├č messianisch ├╝berh├Âht wird und da├č Andere vielleicht mehr erreichen k├Ânnen, da geht er. Oder wird gegangen. Was mir fast egal ist. Er geht zu einem Zeitpunkt, der dem Verein die M├Âglichkeit l├Ąsst, zu reagieren, mit Spielern zu reden und den Umbruch im Sommer vorzubereiten. Wenn es gespielt war, wie Klopp vom Verein sprach auf der PK, von sich, dann war es begnadet gespielt. Ich nehme ihm ab, da├č er ging als Ergebnis einer Selbstreflexion.

Hey Trainer, ich brauche ein Ticket gegen Werder. Ich m├Âchte Tsch├╝├č sagen und mir ein Tr├Ąnchen aus den Augen wischen.

For those about to rock, we salute you.

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Musik

Jagdhund

Eigentlich beschimpfen sie mich. Und dies seit dem ersten Album. Auf jeder Split-Single.

Und ich liebe sie daf├╝r. Love A sind f├╝r mich noch Punk und haben heute ihr drittes Album ver├Âffentlicht, Jagd & Hund. Auch auf Vinyl, mit Jutebeutel, Aufkleber, wie man das heute halt so macht. War “Eigentlich” 2011 noch ein ziemlich roher Brocken mit ins Hysterische kippenden St├╝cken (Prototyp: die 1:37 von Freibad) schlo├č sich daran “Irgendwie” an, ein Album, das mich 2013 mit seiner ersten Single “Windm├╝hlen” zutiefst ber├╝hrt zur├╝cklie├č. Man kann man einen Song wie Windm├╝hlen auch als tendenziell weinerlichen Befindlichkeitspunk definieren, der nur durch Attit├╝de und Punksound den richtigen Abstand zu – sagen wir – Blumfeld wahrt. Man kann aber – so wie ich – trotzig sagen, da├č Love A exakt beobachten und so textsicher sind, da├č sie diese Beobachtungen eben auch in die richtigen Song-Zeilen packen. Die Texte sind eindeutig genug ohne plakativ Punk-Parolen herauszuspucken, die ich tats├Ąchlich nicht mehr ertrage, wenn sie nicht zumindest ironisch gebrochen sind. Besser aber noch ist es, wenn eine Band es schafft, eine Lebensrealit├Ąt zu schildern und ihre Verachtung hintenrum vor dir auszubreiten. Love A schafft das.

Und sie schaffen das unter Verzicht auf das klassische Punkbesteck sondern schw├Âren auf unverzerrten Tw├Ą├Ą├Ąng. Es ist so viel einfacher w├╝tend r├╝berzukommen, wenn man Toxoplasma hei├čt und auch so klingt. Der unpunkige Sound (um das schauderliche “Indie” zu vermeiden) unterscheidet Love A auch von ihren Br├╝dern im Geiste wie Turbostaat, Captain Planet, duesenjaeger, Grand Griffon und Konsorten. Und derzeit liegen sie vorne. Vor den Anderen.

Und sie beschimpfen mich halt, weil ich nicht die Ramones bin. Altbauwohnungspunk. Und ich kann mit ihrem Blick auf mich leben, denn die Beobachtung trifft zu. “Wir machen Schulden, sammeln Herzen” (aus “Regen auf R├╝gen”)

Jagd & Hund setzt die Entwicklung von Irgendwie fort und J├Ârkk klingt immer noch den genau richtigen Schritt dr├╝ber. “Papa, der hat Probleme, oder, der klingt so!”

Die Produktion gef├Ąllt mir auch, ich mag es, wenn Vocals nach vorne gemischt werden. Es finden sich Songs wie “100.000 St├╝hle leer”, der so Indie ist, da├č mich der Text ├╝berzeugt und es gibt “Augenringe”, der alles mitbringt. Bei “Ein Gebet” warte ich auf das geh├Ąmmerte Jerry Lee Lewis Klavier. Kommt aber nicht, vielleicht auf Album vier. Ich werde auch dann bei ihnen sein.

Gro├če Band, gro├čes Album.

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BVB, Fussball

The lay of the borussenland

Manchmal denke ich an Klassenfahrten. Und im Schullandheim steht so eine S├╝├čigkeitenbox, wo man unglaubliche K├Âstlichkeiten erwerben kann und Mama hat einem 10 Mark mitgegeben. Man ist also reicher als jemals zuvor und schuldet auch Frank aus der 4c kein Geld mehr.

Dann geht man zu der Box, bereits mit dem Geschmack von Gummib├Ąrchen und Snickers und Raider auf der Zunge, um dann den Deckel hochklappend festzustellen, es liegen nur noch Mr. Tom-Erdnussriegel drin. F├╝r 2,50 Mark das St├╝ck.

Mr. Tom ist korrekt, bringt seine Leistung und ist immer noch drei Klassen besser als zwei Apfelst├╝cke und eine M├Âhre, aber es ist kein Raider. Und schon mal gar nicht eine hauchzarte Eszet-Schnitte. Und w├Ąhrend man da steht und gar nicht so recht wei├č, wie das passieren konnte, l├Ąuft Hans-Peter vorbei. Hans-Peter tr├Ągt ein mintfarbenes Poloshirt und hat einen Pullunder um den Hals gelegt und sein Papa f├Ąhrt Cabrio. Und er zwinkert Gaby und Heike erst zu und dann gibt er ihnen einen je ein Raider und fragt, wie es beim Reiten war.

Ich kann Hans-Peter nicht leiden. Und ich m├Âchte kein mintfarbenes Poloshirt. Aber mit Gaby und Heike sprechen ist halt toll.

Und wie greifbar die Angst ist, da├č Gaby und Heike nicht mehr mit einem reden und da├č man nach Hause geschickt wird, weil man es versaut hat.

Mut ist, wenn man Todesangst hat, aber sich trotzdem in den Sattel schwingt. Hilft das? Mir bald nicht mehr. Mir ist bl├╝merant.

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BVB, Fussball

Ich danke Sie!

Hach. Seit dem Examen habe ich nichts mehr gewonnen mit etwas Selbstgeschriebenem. Danke Euch.

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BVB, Fussball

Und dann tut es doch weh

“Vielleicht tut es doch weh
und dann packt dich die Angst.
Manchmal glaubt man beinahe selber,
dass das alles so geh├Ârt.
Vielleicht tut es doch weh
und nimmt dir den Schlaf.
Manchmal glaubt man beinahe selber,
dass das alles so geh├Ârt.”

Das singen Turbostaat und sie singen nicht ├╝ber Fu├čball. Und sie singen schon mal gar nicht ├╝ber den BVB. Und Lewandowski ist ihnen im Zweifel egal.

Aber mir nicht. Ich w├╝nschte nach sechs Monaten Vorlaufzeit w├Ąre es so, dass ich sagen k├Ânnte: So what! Kann ich aber nicht, weil der Verlust in sportlicher Hinsicht gro├č ist und der Wechsel gerade zum FCB einen Stich versetzt. Es ist mir egal, aber so wollte ich’s doch nicht haben.

Was hat dich blo├č so ruiniert bin ich verleitet, Robert L. zuzurufen.

Um dann doch n├╝chtern festzustellen, dass ihm in sportlicher Hinsicht kein Vorwurf zu machen ist. Kein eingeschnapptes Verhalten, keine Kampagne (├╝ber die Zickerei zu Beginn der Vorsaison sei hinweggesehen, die kam auch prim├Ąr von den Beratern – er konnte wirklich nicht ernsthaft erwarten, dass wir ihn zu diesem Zeitpunkt gehen lassen), keine lustlosen Auftritte. Wenn seine Leistung insbesondere in der CL nicht an die der Vorsaison heranreicht, dann bewegt er sich damit nur auf dem Niveau des gesamten Teams, das die letzte Drehung des Messers, den double leg slam, den Fangschuss vermissen l├Ąsst.

Er wechselt zu dem Team, das ihm eine Titelgarantie geben kann und ihm erlaubt, in Gehaltssph├Ąren vorzudringen, die beim BVB derzeit undenkbar sind. Ich muss das nicht verstehen. Kann es aber nachvollziehen.

Und wenn man h├Ârt (aus Sekund├Ąrquellen, mit mir spricht ja sonst keiner), dass Lewandowski im Team integriert ist, anders als wohl etwa G├Âtze auf seinen letzten Metern (oder sogar schon vorher), dann spricht Einiges daf├╝r, dass er auch die R├╝ckrunde absolut professionell zu Ende spielt.

Wenn ich mir was w├╝nschen darf – Pokalfinale gegen die Bayern. 4:3 f├╝r uns nach Verl├Ąngerung. Drei Tore Lewandowski. Und danach kein Kuss aufs Wappen aufm Trikot, keine Tr├Ąnchen, sondern ein Abschied von den Fans im Stadion mit Stil. Ein ehrliches Danke f├╝r die gute Zeit und ab.

Ich habe keine Ahnung, wen wir als Ersatz holen; schon jemanden zu finden, der eine vergleichbare Klasse hat, erscheint mir schwer. Und er muss dann auch noch ins Mannschafts- und Gehaltsgef├╝ge passen. Ich habe keine Ahnung, wer das sein k├Ânnte. Es wird wohl eher nicht Schieber sein. Und es sollte keiner sein, bei dem die Verhandlungen in der 9 Mio. Region anfangen, die Lewandowski beim FCB wohl erreicht hat. Sicher ist, dass ein Team, dem absolute Leistungstr├Ąger wegbrechen, Zeit braucht. Ich werde meinem Verein alle Zeit der Welt geben.

Aber ich werde Lewandowski vermissen. Den stoischen Gesichtsausdruck mit dem leicht h├Ąngenden Auge, die k├Ârperliche Pr├Ąsenz, Raumgef├╝hl und Zweikampfst├Ąrke, seinen Abschluss. Den Mann, der Real vier St├╝ck einschenkte, der sich auf dem Bierdeckel drehen und gegen 90 Kilo Atzen bestehen konnte. Den Mann, den du immer anspielen konntest, ohne dass der Ball im Anschluss durch den 16er flipperte.

Danke und Tsch├╝├č. Wirst dich bei uns immer aufm Platz aufw├Ąrmen d├╝rfen.

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