An die Grenze: Die Stille vor dem Schuß

In den letzten Wochen hatte ich mehrfach den kurzen aber intensiven Drang, etwas zu den rechtspopulistischen Positionen in der Flüchtlingsfrage im Allgemeinen und zur AfD im Besonderen zu schreiben. Ich ließ es sein, denn ich hatte mir auferlegt, über den Ekel nie mehr zu schreiben. Aber wie bei Pascow die zweieinhalb Minuten sein mussten, kurz einige Gedanken.

Zuerst äußerte sich Frauke Petry, später dann Beatrix von Storch. Es sei noch einmal zitiert.

Petry:

„Noch mal: Wie soll ein Grenzpolizist in diesem Fall reagieren?

Petry: Er muss den illegalen Grenzübertritt verhindern, notfalls auch von der Schusswaffe Gebrauch machen. So steht es im Gesetz.

Es gibt in Deutschland ein Gesetz, das einen Schießbefehl an den Grenzen enthält?

Petry: Ich habe das Wort Schießbefehl nicht benutzt. Kein Polizist will auf einen Flüchtling schießen. Ich will das auch nicht. Aber zur Ultima Ratio gehört der Einsatz von Waffengewalt. (…)“

Storch:

“Wollt ihr etwa Frauen mit Kindern an der grünen Wiese den Zutritt mit Waffengewalt verhindern?”

“Ja”

Bereits vor diesen Debatten passte mir die gesamte Form der Debatte nicht, ich empfand sie als unsachlich, populistisch, intellektuell unehrlich. Und dies von beiden Seiten. Was mich dabei weitaus mehr schmerzte, waren die Anwürfe von rechts außen, auch wenn ich sie in ihrer Einfachheit und Menschenfeindlichkeit erwartete. Zur gleichen Zeit aber nervte mich zutiefst, mit welcher Holzschnittartigkeit die Reaktion stattfand. Ich muss nicht auf einen Nazi Großvater verweisen, um die Positionen von Storch bloßzulegen. Ich darf es auch nicht. Was steckt denn dahinter? Soll sie in Sippenhaftung genommen werden für seine Verbrechen? Vererbt sich faschistisches Gedankengut? Really?

Ich kann und muß in einer politischen Debatte komplexeste Sachverhalte politisch diskutieren. Es ist aus meiner Sicht die hohe Kunst, Sachverhalte, die eigentlich Spezialwissen voraussetzen (rechtliches, ökonomisches, technisches), so zu präsentieren, dass eine Meinungsbildung möglich ist. Was nicht das Ziel sein kann, ist die Entscheidungsfindung durch Experten, eine solche verschließt sich einem politischen Meinungsbildungsprozeß und ist Gift für einen freien Diskurs.

Diese Aufgabe kann monumental sein je komplexer die Sachverhalte sind. Um so mehr verstört es mich, wenn bei eigentlich recht simpel gelagerten Fragen diese Sorgfalt mit Füßen getreten wird. Worum geht es? Um das UZwG und die Frage, ob an der Grenze geschossen werden darf. Wie sind aus meiner Sicht die Aussagen der AfD Funktionärinnen zu verstehen? Eindeutig. Beide Fragesteller fragen explizit, wie ein Grenzer reagieren soll und gerade nicht, wie er reagieren darf. Das UZwG ist ein klassisches Gesetzt zur Legitimation staatlichen Handelns. Es stellt die Ermächtigungsgrundlage dar für die Frage, wann unmittelbarer Zwang (zu dem in einem abgestuften System als Ultima Ratio auch Schußwaffengebrauch gehört) gegen Menschen angewandt werden darf. Was es nicht sagt: Du, Grenzer, musst (oder auch nur: sollst) von der Schußwaffe Gebrauch machen. Es geht mir dabei nicht um eine regelrechte Subsumtion und Auslegung. Das hat Halina Wawzyniak hier schon besser gemacht: Das steht nicht im Gesetz. Das Ergebnis ist auch eindeutig: In den allerseltensten Fällen wird der Schußwaffengebrauch an der Grenze überhaupt rechtmäßig sein.

Selbstverständlich dürfen und müssen Rechtsgüter geschützt werden. Dies ist eine der Kernaufgaben des Rechtsstaates. Es lässt sich daher niemals per se ausschließen, dass staatliche Gewalt auch gegen Frauen und Kinder ausgeübt werden darf und sollte. Selbstverständlich darf etwa, wenn Frauen und Kinder eine Synagoge angreifen, eine Kirche, eine Versammlung und Gefahr für Leib und Leben besteht, Gewalt eingesetzt werden und sollte es auch. Die gewählten Beispiele allerdings unterscheiden sich in einem zentralen Punkt von der Grenzfrage, wie sie Storch und Petry verstehen: Es wird ein hohes Rechtsgut angegriffen. Auch dann muss ich unter Anwendung des Verhältnismäßigkeitsprinzips abwägen, ob ich dieses Angriff durch Verletzung eines ebenfalls hohen Rechtsgutes abwenden darf.

Der AfD geht es darum gerade nicht. Die Forderung heisst: Die territoriale Integrität des Landes soll durch Waffengewalt verteidigt werden. Ich will keine Flüchtlinge, die einfach so ins Land kommen. Um diesen Zustand zu beenden “muß” der Grenzpolizist notfalls von der Waffe Gebrauch machen (so Petry) und es es ist der Wille von Storch, den Zutritt mit Waffengewalt zu verhindern. Und zwar diesen für sich genommen, allein den Grenzübertritt. Das ist eiskalt und empathiebefreit. Man kann und sollte über die Frage von Flucht und Zuwanderung diskutieren, wenn aber in dieser Diskussion davon ausgegangen wird, dass auf Flüchtlinge geschossen werden soll, ist eine Grenze überschritten.

Kann man die Äußerungen der AfD anders verstehen? Ich habe es versucht. Fangen wir bei Storch an: Sie ist Volljuristin. Und selbst wenn sie in ihrem beruflichen Leben noch keinen einzigen Blick in das UZwG geworfen hat, erwarte ich von ihr (und kann es auch, die juristische Ausbildung in diesem Land ist so schlecht nicht), daß sie die Grundprinzipien der Rechtsgüterabwägung und Verhältnismäßigkeit beherrscht und berücksichtigt. Und Frau Petry? Sie behauptet apodiktisch “es stehe im Gesetz”. Nein, das steht da nicht. Und das muss sie wissen. Beide Frauen sind definitiv schlau genug und kalkuliert genug, um zu wissen, was ihre Aussagen auslösen. Sie gaukeln damit eine einfache Lösung vor, die es nicht gibt, Härte und Konsequenz. Sie zeigen aber nur eine Verlotterung der Auseinandersetzung und ich fürchte sie zeigen auch, was sie von humanistischen Idealen halten.

Schließlich liegt ihren Ausführungen auch ein fundamentaler weiterer Irrglaube zugrunde: Ich bin der festen Überzeugung, dass Grenzpolizisten in diesem Land weitaus überwiegend nicht einmal ansatzweise auf die Idee kämen, von der Schußwaffe Gebrauch zu machen gegen Flüchtlinge. Ich bin darüber sehr froh. Und glauben die beiden wirklich, sie könnten die Grenzpolizisten dazu veranlassen? Sie irren.

Edit:
Die GdP stellt klar: Kein deutscher Polizist wird auf Flüchtlinge schießen

Paris und was es mit mir macht

Es hat gedauert, bis ich gestern meine Eltern erreichte, die gerade in Paris sind. Es geht ihnen gut. Es hat bis heute morgen gedauert, bis ich meinen engsten Mitarbeiter erreichte, Halbfranzose, der in Paris ist. Es geht ihm gut. Eben erst habe ich Nachricht von einem alten Freund erhalten, der in Paris lebt, auch ihm geht es gut.

Das ist alles, was ich an Gutem sagen kann. Ansonsten bin ich schockiert und hochgradig verwirrt. Denn dieser Angriff stellt mich und meine Werte und Ansichten in Frage. Sie bröckelten vorher und jetzt gerade bin ich konsterniert.

Ich möchte eine Gesellschaft, die queer ist, divers, mit Widersprüchen, Chancen bietet, die Freiheit garantiert und Recht, die Gleichberechtigung postuliert und Schutz der Schwachen. Diese Gesellschaft wird angegriffen von Menschen, die all diese Werte ablehnen. Die etwas radikal Anderes wollen, etwas so dogmatisch Düsteres, dass es mich schaudern lässt.

Wie geht eine Gesellschaft mit Menschen um, die diese Freiheiten radikal ablehnen, wie positioniere ich mich persönlich dazu? Jahrzehnte habe ich mit Vehemenz vorgetragen, dass wir zuhören müssen, Ungleichheiten beseitigen müssen und aufklären. Gelänge uns dies, so war ich überzeugt, entziehen wir Terror die Grundlage. Ich bin mir dessen nicht mehr sicher.

Ich habe militärische Lösungen immer abgelehnt, mich aktiv gegen einseitige Verurteilungen von Religionen gestellt, letzteres obwohl ich organisierte Religion (nicht: Glaube) für eine aberwitzige Fehlentwicklung halte. Und jetzt bin ich unglaublich wütend. Auf Menschen, die auf die Errungenschaften der freiesten Gesellschaft, in der Menschen je lebten, scheissen. Ich habe längst akzeptiert, dass unsere Gesellschaft immer angegriffen werden wird von Menschen, die sie ablehnen. Das ist für mich gerade Teil des Grundgerüstes der Gesellschaft, denn ich will den Wettstreit von Ideen, Weltanschauungen und Überzeugungen.

Aber ich erschrecke, wenn ich inzwischen überlege, ob wir nicht deutlicher gegen diejenigen vorgehen müssen, die eine Demokratie abschaffen möchten und Blut auf den Strassen sehen wollen. Und ich warte sehnsüchtig auf die muslimische Bewegung, die nicht nur Tausende auf die Strasse bekommt, wenn es um Hassreden gegen Israel und Juden geht, sondern die Tausende auf die Strasse bekommt um zu zeigen “not in our name”. Damit ist kein Kollektivschuldgedanke verbunden, vielmehr sei meine eigene Hilflosigkeit ausgedrückt angesichts von in Frankreich, England oder hier sozialisierter Männer (die unmittelbaren Täter sind fast ausschließlich Männer), deren Beweggründe und Ziele ich nicht ansatzweise nachvollziehen kann. Darin unterscheiden sie sich etwa vom rechtsextremistischen Terror. Dessen Motive kann ich intellektuell nachvollziehen, so ekelig sie sein mögen, aber diese Menschen und ihre Handlungen kann ich jedenfalls teilweise begreifen. Islamisten aus Paris, London und Berlin begreife ich nicht ansatzweise.

Ich empöre mich genauso wie die meisten meiner Freunde über Rechtspopulisten, die die Anschläge instrumentalisieren, aber mein erster Gedanke geht eher dahin, dass ich mich frage, ob wir uns nicht erst um die Terroristen und deren Netzwerk und dann um Rezeption und Instrumentalisierung kümmern sollten. Mit den Rechtspopulisten bei uns werden wir fertig, denn wir kämpfen auf Augenhöhe – parlamentarisch, argumentativ. Mit radikalislamischen Terroristen können wir nicht reden. Ich kann es nicht. Und will es auch nicht.

Ich bin es auch fast leid, das Mantra von der Mehrheitsgesellschaft zu hören, die sich um die Benachteiligten besser kümmern muss. Sollte nicht der erste Gedanke sein, vom Täter zu verlangen, dass er eben nicht den Abzug an der AK zieht? Alles, was er tun muss, ist nicht zu schiessen. Dagegen wirken die Aufrufe an die Mehrheitsgesellschaft hilflos, pauschal und gleichzeitig so gewaltig gross. Wenn es heisst, der IS rekrutiere die Gedemütigten und unter Rassismus leidenden jungen Männer in unseren Städten, dann mag das sogar so sein, aber Mensch, es ist doch kein Automatismus, dass ich dann losgehe und mich in einem Club in die Luft sprenge. Das ist meine individuelle Schuld. Meine Verantwortung und meine Entscheidung. Die nimmt mir keiner ab und ich bin nicht fremdgesteuert durch die Gesellschaft.

Ich suche den Weg wie man ohne ein rassistisches, islamophobes Arschloch zu sein (oder im zweiten Satz so genannt zu werden) sich gegen diese Bedrohung stellen kann. Ich suche den Weg angesichts des unermesslichen Leids der Flüchtlinge aus Kriegsregionen gleichwohl berechtigte Sicherheitsinteressen in die Betrachtung der Gesamtsituation einbeziehen zu können.

Ich suche den Weg, diese freie, vielfältige Gesellschaft zu erhalten. Und weiss gerade nicht, wie es gehen soll.

[Update]: Habe versucht, zu konkretisieren.

All good things come to an end

Ich bin mir sogar schon bei der Ansprache unsicher. Ich kenne ihn nicht, habe kein Wort mit ihm gewechselt, noch nicht mal die Hand geschüttelt. Jürgen ist mir zu kumpelhaft, Herr Klopp klingt als sei er mein Erdkunde-Lehrer. Ich probiere es (anmaßend?) mit der Spieler-Ansprache.

Hey, Trainer!

Danke für diese sieben Jahre. Danke dafür, daß ich meinem Verein emotional so nah war wie nie in 30 Jahren Fansein. Das bedeutet mir mehr als die Titel. Die Titel sind der Becher selbstgemachter Crème Brûlée. Wäre nicht nötig gewesen, aber Scheiße, war 2011 geil. Davor habe ich nur 1997 eine solche Eruption erlebt in mir, im Club, bei den Fans. Das 1:0 im Pokal gegen Fürth gefolgt von der Demonstration in Berlin? Danke. Ich war in den frühen 2000ern weit weg von meinem Verein, nicht nur räumlich, denn das bin ich jetzt auch, sondern emotional. Ich war bereits an der Grenze, daß mich Themen nicht mehr geärgert haben, sie wurden mir fast egal. Diese Entwicklung kippte ins Gegenteil, als Klopp übernahm. Mir ist bewußt, daß sich der Klub um ihn herum professionalisierte, eine Marke aufgebaut wurde. Ich bin Businesskasper und glaube, ökonomische Prinzipen und Maximen und die Kommunikationsspolitik der Borussia Dortmund GmbH & Co. Kommanditgesellschaft auf Aktien verstanden zu haben. Ein solches kalkuliertes Schaffen von Projektionsflächen ist weit vom Schotterplatz und selbstgewaschenen Stutzen entfernt und wie ernst es die Beteiligten mit ihrem Claim von Echter Liebe meinten, verstörte mich dann doch manchmal.

Und inmitten dieser börsennotierten KGaA dann Jürgen Klopp (Hey, Trainer!) der bei mir ein seltsames positives Störgefühl auslöste. Denn ihn empfand und empfinde ich als echt und authentisch – jedenfalls soweit meine Wahrnehmung reicht. Sein Verhalten wirkt nicht antrainiert und in offsite meetings im Sauerlandstern einstudiert, das ist der Trainer.

Was ich aber eben auch mag war seine Arroganz, es schlicht besser zu wissen als die meisten Anderen da draußen, Journalisten eingeschlossen. Man mag das unprofessionell nennen oder auch unsympathisch. Ich finde es cool, wenn jemand von sich überzeugt ist und eine Mission hat, von der er glaubt, er alleine sei der Richtige dafür. Und er war der Richtige.

Und in dem Moment wo der Verein und wohl auch er erkennt, daß Klopp in einem schädlichen Ausmaß messianisch überhöht wird und daß Andere vielleicht mehr erreichen können, da geht er. Oder wird gegangen. Was mir fast egal ist. Er geht zu einem Zeitpunkt, der dem Verein die Möglichkeit lässt, zu reagieren, mit Spielern zu reden und den Umbruch im Sommer vorzubereiten. Wenn es gespielt war, wie Klopp vom Verein sprach auf der PK, von sich, dann war es begnadet gespielt. Ich nehme ihm ab, daß er ging als Ergebnis einer Selbstreflexion.

Hey Trainer, ich brauche ein Ticket gegen Werder. Ich möchte Tschüß sagen und mir ein Tränchen aus den Augen wischen.

For those about to rock, we salute you.

Jagdhund

Eigentlich beschimpfen sie mich. Und dies seit dem ersten Album. Auf jeder Split-Single.

Und ich liebe sie dafür. Love A sind für mich noch Punk und haben heute ihr drittes Album veröffentlicht, Jagd & Hund. Auch auf Vinyl, mit Jutebeutel, Aufkleber, wie man das heute halt so macht. War “Eigentlich” 2011 noch ein ziemlich roher Brocken mit ins Hysterische kippenden Stücken (Prototyp: die 1:37 von Freibad) schloß sich daran “Irgendwie” an, ein Album, das mich 2013 mit seiner ersten Single “Windmühlen” zutiefst berührt zurückließ. Man kann man einen Song wie Windmühlen auch als tendenziell weinerlichen Befindlichkeitspunk definieren, der nur durch Attitüde und Punksound den richtigen Abstand zu – sagen wir – Blumfeld wahrt. Man kann aber – so wie ich – trotzig sagen, daß Love A exakt beobachten und so textsicher sind, daß sie diese Beobachtungen eben auch in die richtigen Song-Zeilen packen. Die Texte sind eindeutig genug ohne plakativ Punk-Parolen herauszuspucken, die ich tatsächlich nicht mehr ertrage, wenn sie nicht zumindest ironisch gebrochen sind. Besser aber noch ist es, wenn eine Band es schafft, eine Lebensrealität zu schildern und ihre Verachtung hintenrum vor dir auszubreiten. Love A schafft das.

Und sie schaffen das unter Verzicht auf das klassische Punkbesteck sondern schwören auf unverzerrten Twäääng. Es ist so viel einfacher wütend rüberzukommen, wenn man Toxoplasma heißt und auch so klingt. Der unpunkige Sound (um das schauderliche “Indie” zu vermeiden) unterscheidet Love A auch von ihren Brüdern im Geiste wie Turbostaat, Captain Planet, duesenjaeger, Grand Griffon und Konsorten. Und derzeit liegen sie vorne. Vor den Anderen.

Und sie beschimpfen mich halt, weil ich nicht die Ramones bin. Altbauwohnungspunk. Und ich kann mit ihrem Blick auf mich leben, denn die Beobachtung trifft zu. “Wir machen Schulden, sammeln Herzen” (aus “Regen auf Rügen”)

Jagd & Hund setzt die Entwicklung von Irgendwie fort und Jörkk klingt immer noch den genau richtigen Schritt drüber. “Papa, der hat Probleme, oder, der klingt so!”

Die Produktion gefällt mir auch, ich mag es, wenn Vocals nach vorne gemischt werden. Es finden sich Songs wie “100.000 Stühle leer”, der so Indie ist, daß mich der Text überzeugt und es gibt “Augenringe”, der alles mitbringt. Bei “Ein Gebet” warte ich auf das gehämmerte Jerry Lee Lewis Klavier. Kommt aber nicht, vielleicht auf Album vier. Ich werde auch dann bei ihnen sein.

Große Band, großes Album.

The lay of the borussenland

Manchmal denke ich an Klassenfahrten. Und im Schullandheim steht so eine Süßigkeitenbox, wo man unglaubliche Köstlichkeiten erwerben kann und Mama hat einem 10 Mark mitgegeben. Man ist also reicher als jemals zuvor und schuldet auch Frank aus der 4c kein Geld mehr.

Dann geht man zu der Box, bereits mit dem Geschmack von Gummibärchen und Snickers und Raider auf der Zunge, um dann den Deckel hochklappend festzustellen, es liegen nur noch Mr. Tom-Erdnussriegel drin. Für 2,50 Mark das Stück.

Mr. Tom ist korrekt, bringt seine Leistung und ist immer noch drei Klassen besser als zwei Apfelstücke und eine Möhre, aber es ist kein Raider. Und schon mal gar nicht eine hauchzarte Eszet-Schnitte. Und während man da steht und gar nicht so recht weiß, wie das passieren konnte, läuft Hans-Peter vorbei. Hans-Peter trägt ein mintfarbenes Poloshirt und hat einen Pullunder um den Hals gelegt und sein Papa fährt Cabrio. Und er zwinkert Gaby und Heike erst zu und dann gibt er ihnen einen je ein Raider und fragt, wie es beim Reiten war.

Ich kann Hans-Peter nicht leiden. Und ich möchte kein mintfarbenes Poloshirt. Aber mit Gaby und Heike sprechen ist halt toll.

Und wie greifbar die Angst ist, daß Gaby und Heike nicht mehr mit einem reden und daß man nach Hause geschickt wird, weil man es versaut hat.

Mut ist, wenn man Todesangst hat, aber sich trotzdem in den Sattel schwingt. Hilft das? Mir bald nicht mehr. Mir ist blümerant.

Und dann tut es doch weh

“Vielleicht tut es doch weh
und dann packt dich die Angst.
Manchmal glaubt man beinahe selber,
dass das alles so gehört.
Vielleicht tut es doch weh
und nimmt dir den Schlaf.
Manchmal glaubt man beinahe selber,
dass das alles so gehört.”

Das singen Turbostaat und sie singen nicht über Fußball. Und sie singen schon mal gar nicht über den BVB. Und Lewandowski ist ihnen im Zweifel egal.

Aber mir nicht. Ich wünschte nach sechs Monaten Vorlaufzeit wäre es so, dass ich sagen könnte: So what! Kann ich aber nicht, weil der Verlust in sportlicher Hinsicht groß ist und der Wechsel gerade zum FCB einen Stich versetzt. Es ist mir egal, aber so wollte ich’s doch nicht haben.

Was hat dich bloß so ruiniert bin ich verleitet, Robert L. zuzurufen.

Um dann doch nüchtern festzustellen, dass ihm in sportlicher Hinsicht kein Vorwurf zu machen ist. Kein eingeschnapptes Verhalten, keine Kampagne (über die Zickerei zu Beginn der Vorsaison sei hinweggesehen, die kam auch primär von den Beratern – er konnte wirklich nicht ernsthaft erwarten, dass wir ihn zu diesem Zeitpunkt gehen lassen), keine lustlosen Auftritte. Wenn seine Leistung insbesondere in der CL nicht an die der Vorsaison heranreicht, dann bewegt er sich damit nur auf dem Niveau des gesamten Teams, das die letzte Drehung des Messers, den double leg slam, den Fangschuss vermissen lässt.

Er wechselt zu dem Team, das ihm eine Titelgarantie geben kann und ihm erlaubt, in Gehaltssphären vorzudringen, die beim BVB derzeit undenkbar sind. Ich muss das nicht verstehen. Kann es aber nachvollziehen.

Und wenn man hört (aus Sekundärquellen, mit mir spricht ja sonst keiner), dass Lewandowski im Team integriert ist, anders als wohl etwa Götze auf seinen letzten Metern (oder sogar schon vorher), dann spricht Einiges dafür, dass er auch die Rückrunde absolut professionell zu Ende spielt.

Wenn ich mir was wünschen darf – Pokalfinale gegen die Bayern. 4:3 für uns nach Verlängerung. Drei Tore Lewandowski. Und danach kein Kuss aufs Wappen aufm Trikot, keine Tränchen, sondern ein Abschied von den Fans im Stadion mit Stil. Ein ehrliches Danke für die gute Zeit und ab.

Ich habe keine Ahnung, wen wir als Ersatz holen; schon jemanden zu finden, der eine vergleichbare Klasse hat, erscheint mir schwer. Und er muss dann auch noch ins Mannschafts- und Gehaltsgefüge passen. Ich habe keine Ahnung, wer das sein könnte. Es wird wohl eher nicht Schieber sein. Und es sollte keiner sein, bei dem die Verhandlungen in der 9 Mio. Region anfangen, die Lewandowski beim FCB wohl erreicht hat. Sicher ist, dass ein Team, dem absolute Leistungsträger wegbrechen, Zeit braucht. Ich werde meinem Verein alle Zeit der Welt geben.

Aber ich werde Lewandowski vermissen. Den stoischen Gesichtsausdruck mit dem leicht hängenden Auge, die körperliche Präsenz, Raumgefühl und Zweikampfstärke, seinen Abschluss. Den Mann, der Real vier Stück einschenkte, der sich auf dem Bierdeckel drehen und gegen 90 Kilo Atzen bestehen konnte. Den Mann, den du immer anspielen konntest, ohne dass der Ball im Anschluss durch den 16er flipperte.

Danke und Tschüß. Wirst dich bei uns immer aufm Platz aufwärmen dürfen.

Wem die Glocke bimmelt

Ich komme nicht mehr raus. Und darum in kurzen Worten die unglaubliche Geschichte, wie ich einmal eine Klausur schreiben wollte und eine Glocke bimmelte, ich einen Tag länger leiden musste und in einer Rechtskurve von der Bornholmer Strasse in die Schönhauser Allee einbiegend bei langsamer Fahrt aus der halbgeöffneten Beifahrertür auf den regennassen Asphalt kotzte.

Und das kam so.

Ich habe ja nicht nur ein, sondern gleich zwei Staatsexamina absolviert. Nummer eins 1998 und Nummer zwei 2001. Diese ganze Zeit muss so traumatisierend gewesen sein, dass ich wahrscheinlich Ereignisse aus beiden Schlachten vermische. Mag auch sein ich hatte zu viel von dem Wein gut und fein aus dem Kelch mit dem Elch.

Schlacht ist jedenfalls ein bewusst gewählter Ausdruck. Mir sind solche unwürdigen, beklemmenden und insgesamt in keiner Weise zu geniessenden Momente wie ein Staatsexamen eher erträglich, wenn ich mir vorstelle, ich würde eigentlich gerade eine Heldentat epischen Ausmasses vollbringen und in die Schlacht ziehen, in einen Kampf Mann gegen Mann, ehrlich, männlich, schwitzend. Tatsächlich war der Gegner ein Blatt Papier und ich lediglich mit mehreren Kilo Kommentarliteratur bewaffnet (hier vermischen sich übrigens bereits die Examina zu einem dumpfen Erinnerungsblock, denn bei Nummer 1 gab es nur Gesetze, bei Nummmer 2 auch Kommentare). Alle anderen waren besser vorbereitet, streberhafter und es bringt einem in der U-Bahn zum Justizprüfungsamt einen feuchten Dreck, dass man deutlich lässiger und cooler war als die Fraktion Mazda MX5 und Hérmes-Tüchlein. Es hilft einem da auch nicht, dass man sich über mehrere Jahre in einer Band in Kreuzberger Kneipen selbstverwirklicht hatte.

Aber man hatte die Musik. Ich hatte Boltthrower.

…for Victory

Es sind mehrere Klausuren gewesen und ich schaue jetzt nicht nach, wie viele, ich habe es vergessen und so soll es bleiben. Auf der Fahrt zu jeder Klausur habe ich …for Victory von Boltthrower gehört. Jedenfalls im ersten Examen, beim zweiten war dann schon meine spätere Frau in mein Leben getreten und ich habe denke ich so getan, als ginge ich eben Erdbeeren pflücken und habe Zeitung und die kommentierte Hölderlin-Werksausgabe gegriffen für den Weg ins JPA und nur kurz gerufen “Bis später Schatz!” Ich wollte sie beeindrucken. Ist mir gelungen. Sie ist noch bei mir. Mir war auch das Zwote dann egal, sie war ja da.

Das JPA liegt in Berlin direkt am Rathaus Schöneberg. Das kennt ihr natürlich von der schönsten und berührendsten Darbietung unserer Hymne, vorgetragen vom Walter “Supamolly” Momper, Willy Brandt und Helmut Kohl.

Deutschlandlied / Schöneberger Fassung

Irgendwann 2001 ging die Freiheitsglocke kaputt und musste repariert werden. Ein grosser Tag für die Hauptstadt. Irgendwann war sie wieder heile und musste zurück an ihren angestammten Platz gebracht und dort eingebimmelt werden. Auf dass sie wieder so bimmeln möge:

Freiheitsglocke, bimmelnd

Dieser Bimmeltag war ein Klausurtag. Und weil die Welt uns bereits unerträglich findet, wenn wir noch nicht einmal richtige Juristen sind, sondern nur stocksteife Angeber, hat man uns, als wir bereits alle brav saßen, mitgeteilt, wir könnten wieder nach Hause gehen, die Glocke würde zu laut bimmeln und das Schreiben einer Klausur sei unzumutbar.

Gekotzt habe ich dann mit Astrid im Auto nach der Examensfeier. Und wir haben Tocotronic gehört. Sie ist die tollste Frau der Welt, aber Boltthrower darf ich nicht im Auto hören. Sie sagt aber und so toll ist sie: “Warte, ich fahr langsam und du kotzt halt raus. Landet was im Auto putzt du den Mist selbst weg!” Liebe.

Mehr ist nicht.

Dick: The first thing we do, let’s kill all the lawyers.
Cade: Nay, that I mean to do.
William Shakespeare, Henry the Sixth, Part II